Geschichte des Internat Solling

Würde das Internat Solling heute gegründet, spräche man wohl von einer Elterninitiative. Denn es ist dem Engagement und dem Startkapital einer Gruppe von Vätern und Müttern zu verdanken, dass es vor über hundert Jahren gegründet wurde. Allen voran Dr. Hermann Schmilinsky, Arzt aus Hamburg, der vier Lehrer ermutigte, eine eigene Schule zu gründen.

Diese vier Pädagogen hatten bereits am ersten Deutschen Landerziehungsheim in Ilsenburg gelehrt, welches sich gegen den Autoritarismus der Pauk- und Drillschulen des Kaiserreiches wandte. Nach einem Streit mit dessen Gründer, Hermann Lietz, wurden sie entlassen, waren aber nach wie vor durchdrungen vom reformpädagogischen Konzept der Einheit von Leben und Lernen, einer Erziehung mit Kopf, Herz und Hand. Gleichzeitig waren sie erfüllt vom Gedanken, Bildung und Erziehung in den großen Zusammenhang von Mensch und Natur einzubetten. Die Entstehung der so genannten Landerziehungsheime war ein Aufbruch aus dem städtischen Dasein zu den wie es damals hieß heilenden Kräften der Natur.

Am 11.11.1908 saßen dann die vier Lehrer in Wernigerode im Gasthaus bei einer Martinsgans zusammen und beschlossen, es tatsächlich zu versuchen. Und nicht zufällig grenzten sie sich dabei von den Landerziehungsheimem ab und gründeten ein Landschulheim, das den Unterricht stärker in den Blick nahm. Dieser Tag wird bei uns bis heute mit einem großen Gänseessen gefeiert.

Internat-Solling-Gruender


Übergangsweise zog man als „Oberharzer Landschulheim Hohegeiß“ in ein Hotel, suchte aber einen endgültigen Standort. Man fand ihn rasch in der Nähe der Stadt Holzminden, die sich von Anfang an sehr kooperativ zeigte. Sie legte Versorgungsleitungen und übernahm Bauplanung und -leitung kostenlos. Denn dieses neue pädagogische Konzept, das bis in die Gegenwart alle Höhen und Tiefen überdauert hat, überzeugte die Verantwortlichen der Stadt bereits damals sofort und restlos.

Schon im Mai 1909 wurde der Grundstein für das erste Gebäude, das Unterhaus, gelegt und im Januar 1910 zogen die ersten Schüler und Lehrer ein. Von Beginn an bis heute waren und sind die Lehrer gleichzeitig Erzieher, die mit den Schülern lebten und lernten, arbeiteten und ihre Freizeit verbrachten. Und von Beginn an spielten Sport und Handwerk, Kunst, Musik und Theater eine wesentliche Rolle.

Bis zum ersten Weltkrieg ging es stetig bergauf mit dem verlässlich arbeitenden Landschulheim am Solling, damals und für lange Zeit LSH genannt; immer mehr Schüler wollten aufgenommen werden, man baute neu und alles deutete auf eine günstige Entwicklung. Bis der erste Weltkrieg dem ein jähes Ende bereitete. Viele Lehrer und Oberschüler zogen ins Feld, das Oberhaus wurde Lazarett; Hunger, Not und wechselnde Lehrer besiegelten fast den Niedergang. Als dann der erste Leiter, Alfred Kramer, starb, überlegte das Kuratorium ernsthaft, das Heim zu schließen.

Aber die drei Mitbegründer kehrten unversehrt aus dem Krieg zurück und einer von ihnen, Theophil Lehmann, war bereit die Leitung zu übernehmen. Mit großem Elan und klaren pädagogischen Vorstellungen führte er das Internat durch die schwierige Nachkriegs- und Inflationszeit zu neuer Blüte in den 20er und 30er Jahren. Seit dieser Zeit wurden auch Mädchen aufgenommen.

Mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler begann die Zeit der Anpassung. Theophil Lehmann war einigen nationalsozialistischen Gedanken gegenüber sehr offen, und der damalige Zeitgeist und Gemeinschaftsbegriff war sicher anfällig für überhöhte nationale Töne und ideologische Parolen – auch im LSH. Lehmann starb 1943 und wurde abgelöst von einem SS-Mann, der bis Kriegsende die Schulleitung übernahm.

Nach dem Zusammenbruch nahm ein Kern von ehemaligen Mitarbeitern im Herbst 1945 den Schulbetrieb wieder auf. In einigen Häusern lebten wieder Kinder und Lehrer. Und mit dem Aufschwung der Bundesrepublik blühte auch das Internat Solling wieder auf. Ende der 50er erreichte die Schule mit über 300 Internatsschülern die höchste Schülerzahl aller Zeiten.

In den 60er und 70er Jahren entwickelte sich unsere Schule zu einem Wegbereiter der modernen Oberstufenreform. Denn das hier erarbeitete Unterrichtskonzept erhielt Modellcharakter. Doch gleichzeitig wurden in dieser Zeit, wie überall, auch in unserer Schule Traditionen in Frage gestellt und zum Teil abgeschafft. Zudem führte auch der bundesweite Ausbau der Bildungsmöglichkeiten zu einem starken Nachfragerückgang bei den Internaten. Viele mussten schließen.

Das Internat verkaufte 1985 einige Gebäude und baute dafür das Tannenhaus für die Unterstufe neu. Seitdem hat es die heutige Kapazität von ca. 210 Plätzen. In der Zwischenzeit wurde natürlich wieder neu gebaut – das Lernzentrum, der Fitnessraum, das Musikhaus und die Reithalle. Aber damit sind wir schon in der Gegenwart angelangt.

 

 

 

Dr. Wolfgang Mitgau
Archiv

Telefon:  0 55 31-12 87-0
E-Mail:     Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Internat Solling Archiv