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Andreas Queissner

Lese ich den Text, den es bereits von mir auf „ganz persönlich“ gibt, jetzt, mit zwei Jahren Abstand, so staune ich ein wenig: Es ist, als hätten wir ein Stück der Zukunft vorhergesehen. Ich studiere tatsächlich Jura und bin nach wie vor politisch aktiv!

Direkt nach dem Abitur habe ich zunächst einige Monate Bundesfreiwilligendienst in einem Mehrgenerationenhaus abgeleistet. Definitiv eine erdende Erfahrung, aus der ich zudem mit zumindest rudimentären handwerklichen Fähigkeiten hervorgegangen bin!

Nun, im dritten (Dank Corona eigentlich zweiten) Semester Jura, weiß ich zum einen, woher der Ausdruck „Rechtsverdreher“ kommt (vermeintlich richtige Antworten werden häufig mit einem „Auslegungssache“ beantwortet und hinterfragt) und bin zum anderen voller Bewunderung für das abstrakte Denken der Römer, deren Privatrecht nach wie vor angewendet werden kann – und das die Basis unseres Regelwerkes darstellt. Aus der Philosophie kommend hinterfrage ich selbstverständlich häufig mit großer Freude Begrifflichkeiten und deren Verwendung. Was ich hingegen an Jura mag: Während wir in der Philosophie „nur“ über das Wesen der Menschen sprechen, zieht das Rechtswesen als „lebende Philosophie“ Rechtsfolgen daraus. Meines Erachtens ist Jura die Quintessenz des deutschen Wesens: Alles ist geregelt.

Menschen, die mit einem Jura-Studium liebäugeln, kann ich folgendes auf den Weg mitgeben: Es muss Euch wirklich interessieren, anders übersteht es niemand, sich durch 100 Seiten Erbrecht zu arbeiten! Zudem: Dies ist definitiv kein Studiengang, in dem man es langsam angehen lassen kann, jegliches Schleifenlassen rächt sich umgehend! Auch muss man akzeptieren, dass man mal eine Prüfung verhaut. Es ist ungeschriebenes Gesetz, dass niemand die Bestnote von 18 Punkten erhält und da eine Prüfung ab 4 Punkten bestanden ist, heißt es schlichtweg „4 gewinnt“ – wobei dies letzten Endes vom jeweiligen Korrektor abhängt, der eine will in seinen Augen unnötige Erklärungen nicht lesen, der andere besteht auf Definitionen.

Blicke ich aus meinem derzeit zweijährigen Abstand auf die Schulzeit zurück, so fällt mir vor allem auf, dass wir immer in Kommunikation waren und es nie das Gefühl gab, man könne über etwas nicht reden. Selbst unterschiedlichste Standpunkte wurden immer respektvoll ausdiskutiert – ein Aspekt, der mir in meinem jetzigen studentischen Umfeld durchaus fehlt; zum Teil wird mit Begrifflichkeiten und Aussagen um sich geworfen, dass sich mir die Haare sträuben! Am Internat Solling war ich der Linke unter den Konservativen – nun bin ich auf einmal ein Nestbeschmutzer, der in Diskussion geht und hinterfragt, um die mir stellenweise entgegenschlagende Intoleranz zumindest verstehen zu können.

Was mir in der Selbstverständlichkeit unseres alltäglichen Miteinanders am LSH nie aufgefallen ist, fällt mir nun, im Schmelztiegel Ruhrpott lebend, zunehmend auf: Das Internat Solling lebt tagtäglich multikulturelles Miteinander auf Augenhöhe vor. Hier wird gezeigt, dass es möglich ist!

Natürlich erhalte ich die Freundschaften aus meiner LSH-Zeit aufrecht und bin dankbar für die sehr gute Bildung im schulischen und zwischenmenschlichen Bereich, die mir nun zugutekommt. Doch ist der „Gossip-Boy“ einer, der nach vorne blickt: Somit wärme ich nicht ständig die alten Geschichten wieder auf und wünsche mich in die Schulzeit zurück. Vielmehr nutze ich sie als Sprungbrett und interessiere mich nun sehr dafür, was gerade so in der Uni-Verwaltung läuft… Wissen ist Macht!

(im Januar 2021)

Statement vom August 2019

Ich bin ein „Gossip-Boy“! Gerüchte, Geschichten, Neuigkeiten – es macht mir einfach riesigen Spaß, Informationen zusammenzutragen und Anlaufstelle für Viele und Vieles zu sein. Wobei es ist mir nicht möglich ist, Dinge, die in meinen Augen falsch laufen, einfach hinzunehmen Da ich es nicht ausstehen kann, wenn mir ins Gesicht gelogen wird und wenn Dinge ungerecht sind, ist es mir wichtig, mich in der Politik zu engagieren. 

Bei manchen Diskussionen bin ich der einzige Linke unter vielen Konservativen, aber nichts auf der Welt hält mich davon ab, meine Meinung zu sagen! Ja, ich bin stur. Doch weiß ich auch, wann es bei einem Thema nicht zielführend ist, weiter zu diskutieren. Ich habe gelernt, Dinge auch mal ruhen zu lassen – um sie dann wieder aufzugreifen. Meiner Meinung nach darf es bei einem lebhaften Austausch auch mal laut und emotional hergehen – nur persönlich verletzend darf es nicht werden!
Selbst als „Externer“ hat mich das Gemeinschaftsgefühl des Internats extrem geprägt. Ich denke, dass es zwei Sorten von externen Schülern gibt: Diejenigen, die nach Unterrichtsende weg sind und diejenigen, die über den Schulalltag hinaus an AGs teilnehmen. Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Das Mitwirken im Schülerparlament und die Philosophie-AG hatten es mir ganz besonders angetan. An der Philosophie genieße ich, dass es einfach nur darum geht, wie es für die Menschheit ist, ohne Parteilichkeit und Machtkämpfe. In der Philosophie-AG habe ich auch gelernt, mich nicht mehr an Themen fest zu beißen. Bei aller Überzeugung von meinen eigenen Werten muss ich niemanden auf meine Seite ziehen oder zwangsläufig von meinen Gedanken überzeugen. Wichtig ist mir vor allem, aufrichtig zu sein. Was mich allerdings immer reizt, einen kleinen Streit anzufangen, ist, wenn Menschen allzu glatt sind und sich nur wegducken. Das ist dann aber eher spielerisch und um der Diskussion willen.
Das Diskutieren reizt mich auch an meinem späteren Traumberuf Politiker. Das Abwägen der Argumente, das Aufeinanderprallen der verschiedenen Strategien, eine gleichberechtige Diskussion zum Wohle der Wahrheitsfindung.
Es ist mir wichtig, dass Gerechtigkeit herrscht. Sollte ich dies nicht auf politischem Wege bewirken können, so möchte ich die Werte „Recht und Ordnung“ zumindest juristisch durchsetzen und strebe ein Studium in diese Richtung an. Auch wenn „Gerechtigkeit“ ein großer Begriff ist – ich werde es versuchen.
Ganz nach Immanuel Kant: „Handle so, dass die Maxime Deines Willens gleichzeitig allgemeines Gesetz werden können“.

Andreas Queissner (LSH 2009 – 2018)