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Anne Margarete

Aufgewachsen als mittleres Kind einer Familie, deren Erstgeborene entwicklungsverzögert ist, bin ich damit groß geworden, nicht im Mittelpunkt zu stehen, sondern vielmehr selbst für meine Bedürfnisse zu sorgen. Dies ist völlig wert- und vorwurfsfrei festgestellt, es kann ja niemand etwas dafür. Es ist ganz einfach so. Ich bin daran gewachsen und ein selbstständiger, in mir ruhender Mensch.
Außer, es geht um Leistung. In diesem Bereich liegt mir Ruhe fern – als Perfektionistin reichen mir 95 % nicht. Natürlich kann ich damit leben, wenn ich mal nicht 100% in etwas erreiche – vermeide es aber. Manchmal wünsche ich es mir durchaus, mal „alle Fünfe gerade sein lassen“ zu können, bekomme es aber nicht so gut hin. Ich organisiere und manage wirklich gerne und schlage mir notfalls auch mal eine Nacht um die Ohren, damit alles klappt. In der Zusammenarbeit mit anderen sage ich ehrlich, was ich meine. Man kann von mir immer konstruktive und wertfreie Kritik erwarten.
Um mir die Sorge zu nehmen, ich könne in etwas nicht die volle Leistung erbringen, da ich es vergesse, schreibe ich gern Listen. Das gibt mir Ruhe. Sobald etwas schriftlich niedergelegt ist, muss ich nicht mehr daran denken, dass ich es tun möchte. Das als „erledigt“-Abhaken auf meinen Listen stelle ich mir oft im Vorfeld schöner vor, als es dann tatsächlich ist. Denn da steht ja immer noch etwas zu Erledigendes. Wobei – stünde gar nichts mehr auf meinen Listen, so wäre das auch nichts für mich. Ich muss immer etwas zu tun haben! So empfinde ich es zum Beispiel als reine Zeitverschwendung, Zeichentrick- oder Fantasyfilme zu schauen. Darin kann ich für mich keinen Mehrwert entdecken und nutze die Zeit lieber sinnvoll.
Der Wunsch, Zeit sinnvoll zu nutzen war auch mein Beweggrund, mich für ein Stipendium auf dem Internat Solling zu bewerben. Ich möchte in meinen letzten drei Schuljahren ein breiteres Wissen erlangen und mir eine bessere Allgemeinbildung aneignen. Früher wurde häufig nur über das Kurzzeitgedächtnis auf Noten hin gelernt. Natürlich sind gute Noten in Bezug auf den späteren Lebensweg wichtig, doch möchte ich aus der Schulzeit auch für mich persönlich etwas mitnehmen. Das Jahr zuvor habe ich an einem Austausch in die USA teilgenommen, da ich die Staaten und das Leben dort unbedingt als Schülerin einer High School und als Teil einer Familie erfahren wollte. Um ganz und gar in die amerikanische Sprache und mein dortiges Leben abzutauchen, habe ich mich während dieses Jahres ziemlich von Familie und Freunden zu Hause in Deutschland abgekapselt. Ich denke, dieses Auslandsjahr war eine gute Vorbereitung auf mein Internatsleben, wir sind als Familie jetzt gut darin geübt, uns nah zu sein ohne unseren Alltag miteinander zu teilen. Das Gleiche gilt für meine beste Freundin, die ich von klein auf kenne. Wir halten trotz der räumlichen Entfernung engen Kontakt und einander immer auf dem Laufenden.
Auf meiner Liste der potentiellen Berufe stehen drei Dinge. Schon lange denke ich daran, Medizin zu studieren und ich habe in diesem Bereich auch schon mehrere Praktika absolviert. Ein anderes Berufsfeld, das mich reizt, ist das des Piloten. Insbesondere, da die Ausbildung (sehr im Gegensatz zu einem Medizinstudium) lediglich zwei Jahre umfasst und ich somit schnell auf eigenen Füßen stehen könnte. Dazu kommt, dass ich über Langstreckenflüge wieder mehr räumliche Nähe zu den USA leben könnte. Der Kontakt zu meiner Gastfamilie und amerikanischen Freunden ist nach wie vor eng. Hin und wieder liebäugele ich auch mit einer Ausbildung im Handwerk, da es mich sehr fasziniert hat beim Hausbau meiner Familie zu erleben, wie auf einer leeren Fläche binnen absehbarer Zeit ein solides, funktionierendes Zuhause entstehen kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass im handwerklichen Bereich sowohl mein Organisationstalent als auch mein Verantwortungsgefühl gut zum Tragen kommen könnte. Ein Pluspunkt für das Handwerk ist auch schlichtweg, dass es sich sicherlich gut mit einem Familienleben vereinbaren lässt.
Zum Glück muss ich meine berufliche Zukunft nicht jetzt gleich entscheiden, sondern kann erst einmal meine Zeit am Internat Solling genießen. Der Ort, an dem ich am allerbesten zur Ruhe komme und an dem ich Picknicks bei Sonnenuntergang am Strand ganz besonders liebe, die Nordsee, ist leider ziemlich weit weg von Holzminden. So genieße ich hier am Internat die Nähe zur Natur, während ich mir den Kopf frei jogge und den Duft des Waldes aufnehme.
Vielleicht liegt es daran, dass mir die Tage immer zu kurz sind: Vor einigen Jahren hat meine Mutter einen Familien-Jahresbrief mit einem Zitat von mir begonnen: „Das Schönste im Leben ist der Schlaf!“ Dieser Meinung bin ich noch immer! Am besten schlafe ich nach einem Tag, an dem ich viele Erledigt-Haken auf Listen setzen konnte. Am liebsten schlafe ich nach einem Tag, der einen ausgiebigen Spaziergang mit meiner Familie am Strand beinhaltet hat.