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Unsere Hochzeitsnacht haben wir noch in der bis auf eine Schlafgelegenheit leergeräumten Wohnung in Göttingen verbracht – seitdem leben wir in Holzminden. Somit bin ich wohl als „Angeheirateter“ zu bezeichnen. Annas Zimmer, das sie bewohnt hat, als sie zu Beginn Ihrer Tätigkeit am Internat Solling von Mittwoch – Freitag dort war, gehört zu der Wohnung, die wir mittlerweile mit unseren zwei Kindern im Anschluss an Annas Kam bewohnen. Natürlich werde ich häufig gefragt, wie es denn so sei, in einem Haus voller lärmender Jugendlicher zu wohnen. Ich empfinde es gar nicht als sonderlich laut und möchte es nicht missen! Das hätte ich früher nicht gedacht, würde ich mich doch selber nie als Gemeinschaftsmenschen bezeichnen. Doch ist es ja nicht wie in einer Wohngemeinschaft, in der auch einfach mal unangekündigt Fremde im eigenen Wohnbereich stehen. Es ist vielmehr wie in einer guten Nachbarschaft – auch wenn wir hier viel voneinander wissen, so wird doch immer die Privat- und Intimsphäre des anderen gewahrt. In dem engen Miteinander eines Internates lernt man sich sehr gut kennen, ich habe auf jeden Fall gelernt, toleranter und nachsichtiger mit anderen zu sein. Zumal ich hoffe, dass auch die anderen meine Macken tolerieren und mit Nachsicht betrachten… Da ich keinen erzieherischen Auftrag habe, muss ich aber auch zugeben, dass ich den Luxus erlebe, nur an den positiven Ereignissen beteiligt zu sein. Ich genieße es, mit der Kam zu kochen oder auch mal dabei zu sein, wenn gemeinsam ein Film angeschaut wird. Auch bin ich nur in Holzminden, um positive Dinge zu erleben – hier genieße ich mein Familienleben, während ich in Duderstadt als dort ansässiger Anwalt häufig auf Mandanten und auch Gegner treffe. Dass die mich nicht immer mögen, ist berufsbedingt verständlich. Die Hin- oder Rückfahrten zwischen meiner Kanzlei und Holzminden nutze ich nicht nur, um Hörbücher zu genießen, sondern häufig auch, um Abstand zum Berufsalltag zu gewinnen. Da gerade die Fälle, die mich emotional berühren, die sind, die nicht öffentlich verhandelt werden, muss ich im Zuge der Schweigepflicht vieles mit mir alleine ausmachen. Auch wenn ich bisher noch keine Fälle hatte, bei denen sich mir die Frage stellte, ob ich dies mit mir vereinbaren könnte (ich habe zum Beispiel noch nie einen Mörder vertreten), gibt es nach wie vor Gerichtsurteile, nach denen ich erstmal tief durchatmen muss. Seit ich selber Vater bin, ist dies insbesondere bei Sorgerechtsfällen oft so. Auch wenn manche Urteile einfach nur ignorant gefällt werden, kann ich mich wirklich immer noch darüber ärgern. Ungerechtigkeit gibt es, das ist einfach so. Mich ärgert es, wenn ich die Beweggründe für Dinge nicht verstehe. Insbesondere, da ich ein Mensch bin, der gerne dafür sorgt, dass es anderen gut geht.
Mir selber tut es gut, mich beim Kochen zu entspannen. Auch meine Frau kocht gerne und gut, doch bereitet es mir einfach noch ein bisschen mehr Freude. Darum bin ich der Koch unserer Familie und liebe es! Unter der Woche gibt es häufig Standardgerichte, die ich aus dem Effeff beherrsche und bei deren Zubereitung ich den Kopf frei habe. Am Wochenende darf es gerne etwas aufwändiger zugehen. Es gab eine Zeit, in der ich an den Wochenenden unendlich komplizierte Gerichte geplant habe. Doch wurde dies irgendwann zu stressig, zumal es schwierig ist, mit Kindern einen ganzen Tag danach auszurichten, wann ein Mahl bereitet werden soll. Mittlerweile kochen wir auch häufiger miteinander; da unser Sohn nun Vegetarier ist, arbeite ich mich derzeit in diese Küche ein – während Pauline nach wie vor Spaghetti „Lady and the Tramp“, also Spaghetti mit Fleischbällchen, favorisiert. Da geteilte Freude häufig die größere ist, habe ich für ca. zwei Jahre hier am Internat eine Koch-AG geleitet. Leider fand dies Freitagnachmittags statt, was sich irgendwann nicht mehr mit meiner Kanzlei vereinbaren ließ. Doch werde ich in den kommenden Monaten im Rahmen unseres Wochenendprogrammes zwei Koch – Workshops anbieten.
Ein anderer, mir wichtiger, Ausgleich zum Beruf ist der Besuch von Live-Konzerten. Bei allem privaten Musikgenuss – die Atmosphäre eines Live-Konzertes, die Interaktion von Band und Publikum und die einmaligen, spontanen Momente eines solchen Abends sind meiner Meinung nach nicht zu übertreffen!
Vor fünf Jahren hat mir ein Herzinfarkt sehr deutlich aufgezeigt, dass ich Ausgleich nicht nur als Hobby sehen darf, sondern als wichtigen Bestandteil des Lebens. Da meine Werte bei allen Kontrolluntersuchungen gut sind, lebe ich nicht in ständiger Sorge. Doch vernachlässige ich weder den im Anschluss an den Warnschuss begonnenen Sport, noch verliere ich aus den Augen, dass zu viel Stress einfach nicht gesund ist. Ich bin sehr dankbar, dass meine Familie (für die mein Herz ja am stärksten schlägt!) mich da gut auffängt. Es gibt noch viele Dinge, die wir miteinander entdecken und genießen werden!