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Ich mag das Wort „schön“ sehr gerne. Es ist ein Einsilber, spricht sich gut, hat viele Facetten, ist sehr zurückgenommen und klingt schlichtweg wie das, was es beschreibt: schön.

Umso schöner, dass ich als freie Texterin mit Worten arbeiten darf!

Ein Stück weit verdanke ich meine Berufswahl tatsächlich dem Internat Solling. Es waren kein intrinsischer Schreibdrang oder die Leidenschaft zur Sprache, die in mir einen wahnsinnigen Druck aufgebaut hätten, das Verfassen von Texten zu meinem Beruf zu machen. Vielmehr hatten wir derzeit einen Deutschlehrer am Internat, der eigentlich an der Universität Berlin Dozent für allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaften war. Sein Unterricht hat mein Interesse geweckt und so bin ich im Anschluss an mein Abitur nach Berlin gezogen, um eben dieses Fach und Lateinamerikanistik zu studieren. Berlin war in den 80ern ein wildes Pflaster! Doch zog ich nach zwei Jahren in dieser Stadt, als mein damaliger Freund vom LSH sein Abitur gemacht hatte, zu ihm nach Frankfurt. Das war wahrlich ein Kulturschock, ging es doch in Frankfurt größtenteils ums Geld. Nachdem mir unsinnige Diskussionen (wie zum Beispiel die, ob denn nun in Seminaren geraucht werden könne) auf die Nerven gingen, habe ich das Studium geschmissen und bin über Umwege in einer Werbeagentur gelandet. Letztendlich habe ich sechs Jahre in Frankfurt gelebt und diese Zeit auch sehr genossen!

Es war die Zeit, in der sich eine junge Werbeszene etablierte und insbesondere in Hamburg die kreativsten Agenturen wie Jung von Matt und Springer & Jacoby eine ganz neue Art von Werbung machten.  So zog es auch mich nach Hamburg, wo ich fünf Jahre in der Agentur – Landschaft tätig war.

Seit 1995 bin ich wieder in Berlin, mittlerweile verheiratet und zweifache Jungsmama. Ich schreibe übrigens u.a. für die Agentur des Altschülers Constantin Leuschner (dlc Berlin), so dass das LSH auch in meinem Berufsalltag weiterhin eine Rolle spielt. Darüber hinaus sind meine besten Freunde Altschüler; zu meiner Freude leben einige von ihnen in Berlin. Da auch in meiner Familie viele Altschüler sind, gehört das Internat Solling zu meinem Leben dazu! Mein Mann und ich haben häufig darüber gesprochen, ob auch unsere zwei Söhne LSHler werden sollten. Doch sind wir mit der Schule, die die beiden besuchen, sehr zufrieden. Darüber hinaus ist mir als Altschülerin eines klar: Ab dem Moment, in dem Du Internatsschüler wirst, kommst Du nur noch als Besucher nach Hause, Du wirst nie wieder ganz und gar bei Deiner Familie leben – höchstens mal zwischen zwei Jobs oder im Falle einer Pandemie. Für eine derart krasse Zäsur genießen wir alle Vier unser harmonisches Familienleben einfach zu sehr.

Da mir damals Sitzenbleiben drohte, bot sich für meinen Vater, der selber Altschüler ist, endlich ein Anlass, mich auf das Internat Solling schicken zu können. Als ein Mädchen aus der Provinz war es für mich komplett neu, mit so vielen südamerikanischen und oft sehr städtisch orientierten Mitschüler*innen zusammengeworfen zu werden. Zudem fiel mein Schulbeginn in ein knappes halbes Jahr, in dem wir keinen Schulleiter hatten. Ein Zustand zwischen Alltag und Anarchie, in dem es durchaus manches Mal chaotisch zugegangen ist. Auch war vieles von dem, was den heutigen Schüler*innen so „normal“ erscheint, nicht gegeben – wir hatten kein Wochenendprogramm, das Kino war am Wochenende geschlossen, die Tennisplätze marode… Da blieben wir am Wochenende oft eher uns selber überlassen, was wir natürlich weidlich ausgenutzt haben! Irgendein Kumpel hatte immer irgendwo ein – natürlich streng untersagtes! – Auto versteckt, so dass wir zu Freunden nach Hannover oder auch einfach mal nach Hause fahren konnten. Rückblickend war es eine tolle Zeit, die natürlich über enge Freundschaften hinaus auch eine enge Bindung zum LSH geschaffen hat.

Derart eng, dass ich es einige Jahre lang sehr gerne auf mich genommen habe, für die „Giftschonung“ verantwortlich zu zeichnen. „Altschüler-Chef“ Jürgen von Both hatte mich angesprochen, ob ich das Heft nicht unter meine Fittiche nehmen könne. So habe ich gemeinsam mit Jürgen und mit Hilfe von Matthias Dietz das neue Corporate Design des Internates auf die Giftschonung übertragen und es auch inhaltlich neu ausgerichtet. Das Erscheinungsdatum “15. August“ bedeutete für mich einige Jahre lang, dass Frühjahr und Sommer immer dem LSH gewidmet waren. Was natürlich den Moment, beim ersten Andruck in der Druckerei zu stehen, durchaus wettmachte. Auch wenn es jedes Jahr schön war, nach dem Erscheinungstermin Lob und Kritik von der Altschülerschaft zu bekommen, hatte ich nach fünf Jahren das Gefühl, dass es nun reicht und jemand anderes das Heft in die Hand nehmen sollte. So habe ich die Verantwortung für die Giftschonung mit einem lachenden und einem weinenden Auge in das LSH gegeben, wo nun Sandra Knecht sie mit Herzblut und Elan erstellt. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass die Giftschonung an die gesamte Altschülerschaft, nicht nur an die Mitglieder des Altschülerbundes, gesendet werden sollte, um die Bindung zum Internat durch das Aufrechterhalten von Erinnerungen zu vertiefen. 

Auch wenn Sandra die Giftschonung nun herausgibt, verfasse ich immer noch vier bis fünf Interviews für jede Ausgabe. Das macht sehr viel Spaß und bringt mich mit Altschülern ins Gespräch, die ich noch nicht oder nicht mehr kennenlernen konnte.
Wer weiß, vielleicht schreibe ich ja mal ein Buch. Worüber? Keine Ahnung. Das LSH gibt auf jeden Fall eine Menge Geschichten her. Bis dahin texte ich weiter, schaue so oft wie möglich übers Meer, segele und freue mich schon, wenn wir uns alle endlich wieder vor dem Unterhaus in die Arme fallen können.