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Ernst-Udo Hartmann

Wir brauchen das „ja“ ebenso so sehr wie das „nein“.
Möchte ich intensive, glückliche Momente erleben, so brauche ich auch das Gegenteil. Sonst können besondere Momente nicht entstehen und zudem gar nicht als solche wahrgenommen werden. Dieses „Lebens – Ying – Yang“ habe ich in aller Intensität erfahren. Ich habe Krebs besiegt, einen schweren Autounfall, einen Herz- und einen Schlaganfall überlebt. Besitze aber auch den immensen inneren Reichtum eines Menschen, der die Dinge ausgelebt hat, für die er brennt. Darüber hinaus, dass ich mich mit meiner Tätigkeit als Fotograf identifiziere und sie liebe, habe ich seit 30 Jahren Lehraufträge an Hochschulen, die mir ermöglichen, mein erlangtes Wissen weiterzugeben. Von meinen ehemaligen Student:innen sind einige erfolgreiche Fotograf:innen geworden und zwei meiner Studentinnen sind heute Professorinnen für Fotografie – eine schöne Bestätigung meiner Lehrbemühungen.
 
Das Fotografieren an sich hat seine Initialzündung in meinem Leben am LSH erfahren. Ich hatte das große Glück, von Herrn Dr. Herbert Wefels unterrichtet zu werden, der ein sehr guter, außergewöhnlicher Kunsterzieher war. Seine Herangehensweise hat nicht nur mich fasziniert und geprägt – viele meiner Mitschüler:innen dürfen auf kreative Karrieren blicken, die seinen Impulsen entsprangen. Karl-Ludwig Lange – auch er ein Landschulheimer, der den Kunstunterricht bei Dr. Wefels erleben durfte – war mein erster Lehrer in Sachen Fotografie. Es folgte eine Lehre im Fotografenhandwerk mit dem Abschluss „Gesellenbrief“. Danach habe ich die Hochschulreife nachgeholt und Photoingenieurwesen studiert. In meiner Selbstständigkeit als Fotograf habe ich immer vermieden, kommerzielle Portraits zu machen – ich kann in der Fotografie nicht lügen und so fertige ich Portraits nur von Menschen an, die mir nah sind oder mich interessieren. So hatte ich zum Beispiel die große Ehre, Erich Fried wenige Monate vor seinem Tode besuchen und fotografieren zu dürfen, während der von ihm verfasste Nachruf seiner selbst in der Schreibmaschine steckte.
 
Auch meine andere große Leidenschaft, die zur Musik, hat ihre Wurzeln im LSH. Nachdem ich feststellen durfte, dass man mittels weniger Griffe auf der Gitarre (in unserer Kameradschaft gab es eine, die mal mehr, mal weniger Saiten hatte und durch die Räume wanderte) die Damenwelt begeistern kann, war ich Feuer und Flamme! Wir haben eine Band (von uns selbstkritisch „Badsound“ benannt) auf die Beine gestellt, die unter anderem die Beatles und die Stones gecovert hat. Nachdem sich der Kartoffelkeller unter der Scheune (später wurde daraus die Disco) als zu feucht erwies, um als Proberaum genutzt zu werden, haben wir kurzerhand nach der Abholung der letzten Schweine aus unserer Landwirtschaft in der dann ungenutzten Schweinevilla mittels Strohballen einen Proberaum abgeteilt und dort lebhaft geprobt. Eines Sonntags platzte Herr Dr. Wefels in eine unserer Proben. Wir dachten schon, jetzt ist es vorbei mit unserem ohne Genehmigung der Schule eingerichteten Proberaum; zumal wir nicht gerade leise probten und auch draußen deutlich zu vernehmen waren. Statt einer Standpauke jedoch schwärmte Herr Dr. Wefels von einem Erlebnis aus seiner Jugend, als er mit einem Akkordeon auf einer Klippe über einem Tal sitzend die ganze Gegend beschallt hatte. Mit einem „toll“ und „weiter so“ verabschiedete er sich und ging.
 
Während des Aufbaus meiner Firma für Werbefotografie war die Musik nicht sehr präsent, doch haben sich nach einem gemeinsamen Kneipenbesuch mit auch – LSHler Michael Hacker („Du hast doch auch mal Musik gemacht, wollen wir nicht mal wieder…?“) ebenfalls in diesem Lebensbereich viele erfreuliche Dinge getan. Musik war und ist für mich nicht nur die perfekte Entspannung nach Feierabend. Mittlerweile bin ich Bassist der Hausband der legendären „Blue Monday Blues Jam“ in Osnabrück und darf auf internationale, wie auch auf viele nationale Live-Konzerte zurückblicken. Die Frage, ob ich musizierender Fotograf, oder aber fotografierender Musiker bin, darf ich zu meiner großen Freude mit einem strahlenden „sowohl als auch“ beantworten! Der Fotograf ist mehr und mehr im Ruhestand, da ich zunehmend das Gefühl habe, fotografisch nichts mehr zu sagen zu haben. Belanglose, inhaltslose Aufnahmen gibt es heutzutage mehr als genug – diesem Gros möchte ich nichts hinzufügen.
 
Ja, ich verdanke dem Internat Solling unglaublich viel. Über meine Berufungen hinaus lebenslange Bindungen und Freundschaften – wie wir alle. Ich habe sogar meine Ehe dem LSH zu verdanken, habe ich doch meine Frau auf einem Altschülertreffen kennengelernt!
 
Das Landschulheim hat einen wesentlichen Teil zu meiner Entwicklung beigetragen und ist nach wie vor ein wichtiger, geschätzter Bestandteil meines Lebens, für den ich sehr dankbar bin.