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Franziska Youssef

In meinem Herzen bin ich eine Nomadin, die jederzeit weiterziehen könnte. Allein Dinge, mit denen ich emotional verbunden bin, bedeuten mir etwas (so zum Beispiel ein Paar Ohrringe, die meine Schwester Katharina mir geschenkt hat), alles andere könnte ich ohne Herzschmerz zurücklassen. Selbstverständlich inkludiert dies nicht meine Familie! Diese ist mein Reichtum: Wir haben einander und Gott ist bei uns, so dass uns nichts passieren kann. In dieser Sicherheit bewege ich mich leicht und frei – ich weiß, Gott nimmt mich in Liebe an und ich darf sein, wie ich bin. Sollte ich eine Fehlentscheidung treffen, so wäre ich damit niemals allein oder verloren – der Herr wacht über mich und vertraut darauf, dass ich das Beste aus dem Geschenk meines Lebens mache.

So war zum Beispiel mein erstes Studium das der Theaterwissenschaft. Ich liebe Theater und wollte unbedingt dieser Leidenschaft auch beruflich frönen können! Nur hat sich leider herausgestellt, dass ich weder über die richtigen Beziehungen innerhalb der Theaterwelt verfüge, noch unglaublich viel Vorwissen mitbrachte. Ich sehe dieses abgebrochene Studium nicht als Fehler oder vertane Zeit an, sondern vielmehr als kleinen Umweg, der letzten Endes der Entscheidungsfindung beigetragen hat. So werde ich nie, niemals meinen Entschluss, mich der Pädagogik auch beruflich hinzuwenden mit einem unzufriedenen „als Intendantin wäre ich viel glücklicher geworden, nun bin ich nur Lehrerin“ hinterfragen. Letzten Endes betrete ich nun jeden Tag eine kleine Bühne und bestimme tagtäglich im Unterricht, welches Stück Premiere feiert.

Es erfüllt mich mit tiefer Freude, dass ich zu meinen zwei leiblichen Kindern hier am Internat Solling noch Kinder dazu geschenkt bekomme, deren Biografien ich mitgestalten und begleiten darf. So muss und möchte ich meinen Beruf ausüben! Es fällt mir schwer, Menschen zu unterrichten, die ich nicht kenne; zudem fällt meines Erachtens in den kurzen Unterrichtszeitfenstern an Staatsschulen der Aspekt an der pädagogischen Arbeit, den ich am meisten liebe, weg: das Beobachten und Miterleben, wie Pädagogik und Didaktik als Zusammenspiel funktionieren. Im Internatsleben er- und durchleben Schüler und Lehrer die unterschiedlichsten Lebenssituationen miteinander, dies bietet so unendlich viel mehr Raum für wirkliches Lehren und das Vorleben von Werten. Da ich selber für ein Jahr auf einem Internat war, weiß ich „wie der Hase läuft“ und kann mich gut in die Jugendlichen hineinversetzen – was sich nicht immer zum Vorteil für die Schüler auswirkt, ich kenne die Tricks und Kniffe!

Die allermeisten meiner Tage beginnen um 7 Uhr mit dem Richten des Frühstücks für meine beiden Kinder und enden nach Unterricht, Kamleiterin-Aufgaben, Haushalt und Mutterpflichten gegen 23.30 Uhr. So wirklich Zeit für mich habe ich dadurch natürlich nicht. Sollte sich doch einmal ein freies Zeitfenster ergeben, so nähe ich gerne, da die Mischung aus kreativem Tun und logischem Denken (passen die Stoffzuschnitte auch wirklich zueinander?!) mir sehr entgegenkommt. Ich lese leidenschaftlich gerne, mache als großer Kafka-Fan gerne Gedankenspiele, genieße die Natur und liebe es, im doppelten Sinne Mutter sein zu dürfen – die meiner Zwei und als Kamleiterin, die jederzeit ansprechbar ist, aber auch sehr gerne zur Selbstständigkeit erzieht. Mein Mann wird zwar in absehbarer Zeit seine Home-Base in Holzminden einrichten, aber dennoch beruflich viel unterwegs sein. Da wir, die wir über Kontinente hinweg geheiratet haben, es gar nicht anders kennen, stellt dies kein Problem dar. Ganz im Gegenteil: Wir lassen einander den Raum, uns jeweils beruflich zu verwirklichen und haben einander immer viel zu erzählen!

Derzeit fühlt sich unsere Lebens- und Wohnkonstellation richtig gut an.