Das wirklich coole ist doch, wenn Du Dinge machst, von denen Du vorher nicht wusstest, dass Du sie kannst. Ich glaube, wenn man sich immer nur auf seinen eigenen alten Pfaden bewegt, entwickelt man sich nicht weiter.
Ich bin gut darin, mich auf neue Umgebungen, Lebensgefühle, Teams und Länder einzulassen. Seitdem ich elf Jahre alt bin habe ich nicht mehr in meinem Elternhaus gewohnt und bin nach dem Abitur im Schnitt alle zwei Jahre umgezogen. Budapest, Leipzig, Münster, London und nun das Rheinland. Mein persönliches Neuland ist es, eine niedergelassene Tierarztpraxis zu führen, in meinem Haus endlich ein Zuhause gefunden und mit meiner Frau eine Familie gegründet zu haben.

Ausschlaggebender Punkt dafür war ein Telefonat mit einem Freund, der mich, erschöpft vom Bau eines Zaunes um sein Grundstück (so dass sein Jagdhund nicht ausbüchsen kann)in England anrief. Ich lag gerade mit einem Bierchen vor dem Fernseher, was er neidvoll kommentierte: „Du reist so viel rum, arbeitest und lebst im Ausland und erlebst so viele neue Dinge, während ich irgendwie ein viel zu normales Leben führe“. Diese Aussage stieß bei mir auf völliges Unverständnis und gleichzeitig öffnete es mir die Augen, weil mir in dem Moment klar wurde, dass er im Grunde genommen genau das lebte, was ich mir schon immer gewünscht hatte: Niederlassen, Ankommen, Sicherheit; kurz: ein Zuhause.
Natürlich hätte ich weiter um die Welt ziehen können. Ich hatte eine tolle Zeit in Sydney und habe eine starke Bindung nach Neuseeland. Es gibt in England einen Pub, in dem ich hinter den Tresen gehen darf, um mir mein Guinness selber zu zapfen – und das als Deutscher! Während eines Praktikums in Afrika habe ich einmal sechs Wochen lang eine Pavianherde begleitet und ihre Wege dokumentiert. Eine wahnsinnige Erfahrung. Die beste Reisezeit meines Lebens hatte ich, als ich im Anschluss an ein Praktikum bei einem Tierarzt in Pretoria mit einem Freund in einem kleinen Ford Escort durch Namibia, Botswana und Sambia gereist bin – ich habe jede einzelne Sekunde dort bewusst genossen. Vielleicht auch ein Stück weit der Tatsache geschuldet, dass dies mein erster „einfach drauf los-Urlaub“ war, in einem Alter, in dem man einfach mal macht ohne zu viel nachzudenken – und dann auch noch in dieser unbeschreiblich eindrucksvollen Natur, die mich schon im frühen Kindesalter fasziniert hat.
Ich kann mich darauf verlassen, dass es mir auch an mir völlig fremden Orten gut geht. In jedem Land, in dem ich längere Zeit war, habe ich seitdem Freunde. Wirkliche Freunde, die aktiv in unserem Leben sind. Dies hat natürlich den großen Vorteil, dass ich in vielen Ländern nicht Tourist, sondern Freund bin.
Das bereits erwähnte Telefonat hat den Anstoß gegeben, dass ich nach Deutschland zurückgekehrt bin und die Praxis übernommen habe.
Unsere Tochter ist jetzt 15 Monate alt und ich liebe es, sie erleben zu dürfen. Neben meiner Familie sind mein größter Wert meine Freunde. Ich bin sehr dankbar dafür, die Freunde zu haben, die ich habe. Da mein Freundeskreis über die ganze Welt verteilt ist, sehen wir uns nicht häufig, dennoch ist da stets eine tiefe Vertrautheit, so dass es jedes Mal so ist, als hätte man sich gestern das letzte Mal gesehen. Ich glaube, mir hat das Aufwachsen im Internat geholfen, diese ganz besondere Tiefe der Freundschaften aufzubauen. Wenn man die Pubertät in einem Zimmer miteinander durch – und überlebt, dann schafft man den Rest des Lebens auch noch – miteinander! Selbstverständlich habe ich auch nach dem Internat Solling noch Freundschaften geschlossen die sehr wertvoll sind, doch ist man im späteren Leben schon fertiger in sich und hat alltagsbedingt oft nicht mehr so viel Zeit und Raum sich so kennenzulernen, wie wir es im LSH konnten. Kürzlich war ich auf unserem 20-jährigen Abitreffen – und für einen Großteil unseres Jahrgangs war es selbstverständlich zu kommen. Ich fuhr mit dem Gefühl nach Hause, dass es eigentlich allen so erging: Alle sind viel rumgekommen und sind immer noch offene und lebensfrohe Menschen, die nun ihren Platz gefunden haben. Und uns alle verbindet nach so langer Zeit immer noch eine selbstverständliche Vertrautheit und tiefe Verbundenheit, was wohl auch daran liegt, dass wir zusammen herangewachsen sind. Waren wir damals Freunde, so sind viele von uns jetzt Patentanten und -onkel von einem unserer Kinder – das sagt doch alles! Ich möchte meine Zeit am Internat Solling für nichts auf der Welt eintauschen. Sie hat mich geformt und mir wahnsinnig tolle Menschen in mein Leben gebracht, ohne die ich nicht der wäre, der ich bin. Im Moment wohl hauptsächlich ein sehr glücklicher, sehr übermüdeter Vater eines noch kleinen Wunders. More to come.
Andreas Avenarius (LSH 1990 - 1998)
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