50-prozent
Skip to content

Anna Weil

Mein Start am Internat Solling lag innerhalb einer komplett verrückten Woche: Mein Mann und ich sind hier eingezogen, haben geheiratet, und drei Tage nach unserer Hochzeit hat das Schuljahr begonnen!
Was man hier am Internat Solling bekommt? Einen Schatz! Es ist ein schöner Ort zum Leben und bietet mir die optimale Möglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. 

Mein Spektrum hier weitet sich kontinuierlich aus: Im ersten Jahr habe ich nur als Lehrerin für das Fach Kunst gearbeitet, dann kam die Kam-Leitung dazu. Im Unterricht ist es mir wichtig, dass die Schüler eigene Lösungen finden und viele Wege ausprobieren, um ihre individuellen Gefühle, Ideen und Überzeugungen auszudrücken. Seitdem ich ein Fernstudium abgeschlossen habe, unterrichte ich auch Deutsch als Fremdsprache. Da ich aus Kasachstan stamme, betreue ich unsere russischen Schüler und Eltern. Sie sind bei ihrem ersten Besuch unserer Schule froh, ihre Muttersprache zu hören. Dies stärkt ihre Gewissheit, später auch auf die schwierigsten Fragen Antworten zu bekommen. Seit einigen Jahren organisiere und koordiniere ich das Wochenendprogramm und aus meinem Hobby ist das Neigungsfach „Modedesign“ entstanden. Unsere Modenschau im Frühjahr ist ein echtes Highlight!
Natürlich geht es im Vorfeld hektisch und chaotisch zu, aber vor allem macht es viel Spaß! Zu Anfang war ich überrascht, dass viele ihre Eigenkreation gar nicht selbst vorführen wollen:„Frau Weil, ich möchte nicht vor der gesamten Schulgemeinschaft auf die Bühne. Darum bin ich ja auch nicht in der Theater-AG, sondern nähe!“ 
Stattdessen suchen sie sich lieber ein Model, für das sie schneidern. Nur beim Schlussapplaus gebe ich nicht nach – da sollen Designer und Model einmal gemeinsam auf der Bühne stehen!
Was mir schwer fällt? Gelegentlich streng und konsequent zu sein. Und es erfordert Geduld und Zuversicht, die schlechte Laune eines gemaßregelten Schülers auszuhalten, weil ich damit ja eigentlich das Beste für die Schüler will. Mit etwas Abstand können sie es dann auch wertschätzen: So kam vor kurzem eine Urlaubspostkarte von einer Altschülerin, die seit anderthalb Jahren nicht mehr hier ist. Darauf steht: „Liebe Frau Weil, einfach mal: Danke!“. 
Ja, man gibt hier viel, aber man bekommt es auch 1000fach zurück!
Was mir leicht fällt, ist, Vertrauen zu den Jugendlichen aufzubauen und für sie da zu sein. Sie wissen, dass sie immer zu mir kommen können, wenn sie Probleme oder Fragen haben. Und dass sie sicher sein können: Ihre Anliegen bleiben bei mir, und ich helfe ihnen von Herzen gern. Die Mädchen meiner Kam schätzen außerdem, dass bei uns zu Hause eine warme und offene Familienatmosphäre herrscht, in der sie jederzeit willkommen sind.
Die Zeit nach dem Abitur ist immer eine sehr wehmütige für mich – sie ist quasi eine Aneinanderreihung von Abschieden: Der letzte Kam-Abend findet statt, Austauschschüler verlassen uns im Zwiespalt zwischen Abschiedsschmerz und Vorfreude auf zu Hause, die 10. Klasse verschwindet ins Betriebspraktikum, es laufen die letzten Runden in den Arbeitskreisen, und unsere Abiturienten packen ihre Koffer.
Doch schon bald verheißt dann ein neues Schuljahr die Chance auf neues Glück, neues Miteinander.
Und die Herzensmenschen, zu denen bleibt der Kontakt erhalten.

im Dezember 2017

Anna Weil
Kunstlehrerin