Durch meine Kontakte mit der Vielfalt der deutschen Sprache registriere ich unbewusst das Sprachverhalten meiner Umgebung und stelle fest, dass der Wortschatz und die Ausdrucksweise bei vielen Menschen spürbar nachgelassen hat. Zum Beispiel, um eine positive Sache zu beurteilen stehen uns eine Unzahl von Adjektiven zur Verfügung, aber ich höre, lese meistens nur das nichtssagende Wort „toll“. Auch für das zur Zeit häufig verwendete „total“ kenne ich passendere Begriffe!

 

Früher haben wir mit unseren Kindern am Frühstückstisch spielerisch versucht, viele sinnverwandte Begriffe für ein bestimmtes Wort herauszufinden.

Im Übrigen habe ich den Eindruck, dass manche Zeitgenossen versuchen, ihr Sprachdefizit durch häufigen Gebrauch von überflüssigen Anglizismen zu kompensieren, was einem Imponiergehabe gleichkommt. Geradezu Aggressionen bekomme ich aber, wenn krampfhaft versucht wird, sich geschlechtergerecht zu artikulieren. Wo bleibt da die Sprach-Ästhetik?

Martin Walser hat einmal gesagt: „Lyrik ist die höchste Form der Sprache“. Diesen Ausspruch habe ich geradezu verinnerlicht. Von Kindesbeinen an konnte ich mich für alles, was sich reimte, begeistern. Den „Max und Moritz“ konnte ich, durch häufiges Vorlesen meiner Großmutter, schon mit sieben Jahren auswendig. Später in der Schule, wenn meine Mitschüler beim Auswendiglernen stöhnten (und es gab reichlich Gelegenheit dazu!),ging ich die Sache locker an und hatte den Text bald intus.

Auch am Landschulheim, besonders bei Deutschlehrerin „Lü“, folgte eine Ballade der anderen, die ich sämtlich heute noch aus dem Stegreif rezitieren kann. Nach meiner Schulzeit habe ich nur noch ein einziges Gedicht bewusst auswendig gelernt und zwar Schillers „Glocke“ und das aus Frust weil ich „mein“ Landschulheim schon mit der sogenannten mittleren Reife verlassen musste.

Aber die Lyrik mit der großen Vielfalt der deutschen Sprache ließ mich nicht los. Ich besorgte mir Gedichtbände aller Dichter und Dichterinnen deren ich habhaft werden konnte. Durch häufiges Lesen jener Gedichte, die mir besonders eingingen, stellte ich fest, dass ich diese nach gewisser Zeit im Kopf hatte, ohne sie bewusst auswendig gelernt zu haben.

Nach Erfindung des Walkmans bzw. MP3-Players vervielfältigte sich mein „Schatz“ an Gedichten nochmals erheblich, weil mich nunmehr diese Dichterverse auch bei meinen Ausdauer-Sportarten, meiner weiteren große Leidenschaft, unterwegs begleiteten.

Inzwischen habe ich so viel Lyrikwissen angehäuft, dass ich gar nicht genau weiß, wie viel Stunden ich am Stück rezitieren könnte. Das hört sich nach Rekordhascherei an, geschah aber ganz nebenbei und eigentlich nur für mich selbst. Als ich in den letzten Jahren mehrmals die Gelegenheit bekam, am Internat Solling vor Publikum zu rezitieren, war das quasi wie ein Ritterschlag für mich.

Meine Familie weiß: „Jeden zweiten Werktag steht er um 4.30 Uhr auf, um seine Laufrunden auf ausgewählten Strecken zu drehen“. Ausdauersport ist meine zweite Leidenschaft. Auch dafür wurde die Grundlage am Landschulheim gelegt. Im Herbst 1949 „scheuchte“ uns Christoph Lindenberg, der Sohn unserer Englischlehrerin, mehrmals zum Ulrischen Teich und zurück. Dabei merkte ich, wenn ich erst mal den „toten Punkt“ überwunden hatte, konnte ich ununterbrochen lange Distanzen zurücklegen. Im Alter von 30 Jahren erinnerte ich mich daran, als es mir darauf ankam, mein Idealgewicht zu halten. Mein Plan: „Wenn Du anfängst und dabei bleibst, regelmäßig zu laufen, kannst Du das auch noch mit 60“. Inzwischen habe ich die 80 hinter mir gelassen, und es geht noch immer. Viele in meiner Umgebung, die vermuten, es sei mein Anliegen, ein hohes Alter zu erreichen, liegen völlig daneben. Für mich zählt vor allem die Gegenwart, nämlich jetziges körperliches Wohlbefinden, wodurch ich zum großen Teil meine Lebensfreude erziele.

 Das Einzigartige beim Laufen ist: es gibt keine Ausreden, es nicht zu tun, Uhrzeit, Gelände, Temperaturen, Wetter: man kann sich auf alles einrichten (Ausnahmen bei mir nur Blitzeis oder Schneeverwehungen). Allerdings bin ich ganz überwiegend nicht im sportlichen Ehrgeizbereich unterwegs, was mich aber nicht daran hinderte, ab und zu an einem Volkslauf teilzunehmen. Höhepunkte meiner „Läuferkarriere“ waren meine beiden New York Marathons , die ich im Alter von 57 und 60 Jahren absolvierte, dabei aber die angestrebte 4 Stunden-Grenze knapp verfehlt habe.

In der warmen Jahreszeit wechsele ich oft auf mein Rennrad. Mindest-Distanz 60 KM, höchstens 120, je nach Entfernung zu meinen Altschülerfreunden in der Region, die ich dabei gern besuche.

Die Zuneigung zum Internat Solling ist eine feste Konstante in meinem Leben. Meine fünf Schuljahre hier waren die schönsten meiner Jugend. Einer der schlimmsten Tage in meinem Leben war demnach der 25. März 1954, als ich an diesem Tag abgehen musste, um eine Kaufmannslehre zu beginnen. Treu geblieben bin ich dem Internat Solling weiterhin, drei meiner vier Töchter machten hier ihr Abitur. Weil ich an der Zukunft des Internat Solling interessiert bin, engagiere ich mich seit 30 Jahren im Altschülerbund. Vier meiner großen Leidenschaften sind durch die LSH-Zeit in mir sozusagen verankert: Das Laufen, das Wandern, die Liebe zu Gedichten und die zur klassischen Musik. Bis auf die Lyrik geschah dort alles zunächst unter einem (heilsamen) Zwang, bis es für mich danach regelrecht zu einem Bedürfnis wurde.

Meine Frau, der es nicht vergönnt war, eine derartige Schule zu besuchen, hat das Landschulheim wohl irgendwie auch ein bisschen „mitgeheiratet“.

(LSH 1949 - 1954)

Friedrich-Wilhelm Geitel
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