50-prozent
Skip to content

Hartmut Singer

Seit Mai 1979 bin ich Mathelehrer am LSH, mit dem ich mich sehr verbunden fühle, mehr aber noch mit den Schülern des LSH: Ihnen zum Beispiel die Binomischen Formeln, die p-q-Formel und die Normalenform einer Ebene beizubringen, ihnen zu vermitteln, dass Mathematik kein Hexenwerk ist, sondern das Matheunterricht Spaß bringen kann, ist und war immer mein Anliegen.

Ich habe den Anspruch an mich, Zugang zu meinen Schülern zu finden. Dabei lasse ich den Schülern den größtmöglichen gerade noch vertretbaren Freiraum. Wenn es notwendig ist, kann ich aber auch die Zügel straff anziehen. Meine Kinder haben mir vorgehalten, von Pädagogik verstünde ich nichts. Das mag stimmen, aber jeder LSHler kennt meine Erziehungsmethoden: Ohrenrubbeln, Knorkeln und Mulibiss, oder 1 Stunde Unkraut ziehen oder Rasenmähen in meinem Garten. Dafür gab es hinterher eine Wiederholung des Matheunterrichts, weil die Schüler ja vorher nicht aufgepasst und nichts begriffen hatten. 

Bei einem Altschülertreffen hat meine Frau einmal einen Gesprächsfetzen am Bierstand aufgeschnappt: ein Altschüler rief einem anderen zu: „Auch bei Singer Rasen gemäht, was?“ und alle brachen in schallendes Gelächter aus. Es sind diese gemeinsamen Erinnerungen, die die Schüler an das Internatsleben haben. Da reicht ein Satz, und jeder kann die entsprechende Situation abrufen.

Das Landschulheim pflegt die Tradition, dass jeder Schüler in der Oberstufe eine Woche mit dem Fahrrad durch die Provence radelt. Übernachtet wird im Zelt: Kultur und Abenteuer gleichzeitig. Vor einigen Jahren entstand die Idee, diese Provence-Fahrt den Altschülern als Wiederholung anzubieten, allerdings mit Übernachtung im Hotel statt im Zelt und abends fürstliches französisches Essen. Diese zu einer Gruppe zusammen geführten Individualisten haben nur eines gemeinsamen: Sie sind Landschulheimer, und das verbindet! Sie genießen dieses einwöchige Zusammensein, verwandeln sich vom Unternehmer wieder zum Schüler und verjüngen sich in dieser unbeschwerten Woche teilweise um Jahrzehnte. Es wird gelacht, Anekdoten über die Landschulheimzeit zum Besten gegeben. Ein Altschüler hatte einmal ein Klassenbuch aus dem Jahre 1985 mitgebracht und daraus die Eintragungen vorgelesen, die insbesondere das Fehlverhalten der Klasse oder einzelner Schüler beschrieben. Aber es gibt auch ernsthaften Austausch über Beruf, Familie, Schicksalsschläge. Das zeichnet die Landschulheimer aus, sie haben ein offenes Ohr für ihr Gegenüber.

Natürlich habe ich in meiner langen LSH-Zeit auch meine Marotten entwickelt. Die Schüler wissen ganz genau, wie sie mich vom Unterrichtsstoff wegholen und ins Fahrwasser der Marine bringen können. Diese kleinen Auszeiten vom Unterricht seien ihnen und mir gegönnt.

Es war nie meine Vorstellung Lehrer zu werden. Ich habe auch kein Lehrer Studium durchlaufen, sondern bin Diplom-Mathematiker mit dem damaligen Ziel, mich zusammen mit meinem Freund, einem Architekten, nach einer Anfangszeit in der freien Wirtschaft selbständig zu machen. Als sich für mich die Möglichkeit ergab, am Landschulheim anzufangen, war es nur ein Gebot der Fairness, dies mit ihm zu besprechen. Er riet mir: „Geh dahin und mache dein Glück!“ Das habe ich.

Hartmut Singer