40-prozent

Janine Subgang

Die Dinge, die wir tun, werden erst durch die Bedeutung, die wir ihnen geben und die Zeit, die wir in sie investieren, wertvoll; nicht dadurch, dass wir sie einfach machen. Wir sind es, die ihnen als Subjekte einen Wert verschaffen – und so ist es selten erfüllend, 1000 Dinge eben mal schnell zu machen, nur um sie auf der Vita zu haben. Dies habe ich in meiner Internatszeit gelernt. Was mir als sehr vielseitig interessierte Person nicht leicht fiel. Zumal ich eine Anhängerin des Pareto-Prinzips bin (80% des Ergebnisses lassen sich mit 20% Gesamtaufwand erreichen). Da ich gleichzeitig aber auch sehr gute Leistung zeigen will und diese Rechnung nicht immer aufgeht, musste ich im Umkehrschluss lernen, ausreichend Zeit in die Dinge zu investieren, deren Ergebnisse mir wirklich wichtig sind. Durch den Wunsch, meiner Neugierde auf alles Mögliche nachgehen zu können, stieß ich mit 16 Jahren in den Weiten des Internets auf die Esther- und Silvius Dornier Stiftung für Internate. Da ich mein Pferd mitnehmen wollte, fiel die Entscheidung für das Internat Solling leicht und so habe ich meinen Eltern mitgeteilt, dass ich mich gerne für das Stipendium bewerben wolle (wovon sie definitiv überrascht waren). Mit der kleinen Schwäche ausgestattet, alles immer „fünf vor zwölf“ zu erledigen, habe ich gefühlt (und eventuell auch real) einen Tag lang Schule geschwänzt, um alle Formulare beizeiten auszufüllen und meinen Antrag per Express loszuschicken. Aber wie heißt es so schön? „Würde es die letzte Minute nicht geben, so würde nie etwas fertig.“ Als dann nicht nur die Einladung zum Auswahlgespräch, sondern kurz nach diesem auch die Bestätigung zur Aufnahme ins Internat Solling bei uns Zuhause ankamen, war bei mir die Freude groß, während meine Eltern sich natürlich erst mal an den Gedanken gewöhnen mussten, mich so früh gehen zu lassen. Von alten Klassenkameraden wurde ich zu dieser Zeit häufig gefragt, ob ich denn keine Angst hätte, alles hinter mir zu lassen, was ich stets verneinte. Irgendwie wusste ich, dass ich im „LSH“ (wie es von uns Internatlern genannt wird) gut aufgenommen werden würde – und genauso kam es dann auch. Meine Zeit dort hat mir unglaublich viele Erinnerungen eingebracht, an die ich gerne zurückdenke. Die Entwicklung, die ich in diesen drei Jahren gemacht habe, lässt mich immer wieder staunen. Ich bin davon überzeugt, dass das Internatsleben für viele Typen von Menschen eine große Förderung sein kann. Mal ganz von dem schulischen Bereich, der schon allein durch die kleineren Klassen viel besser als der an Staatschulen ist, abgesehen. Das Zusammenleben mit so vielen Menschen stärkt und formt den Charakter. Auch kann man völlig neue Talente an sich entdecken. Was man aus seiner Schatzkiste an Talenten nie weckt, weil man es nie ausprobiert, das verkümmert irgendwann. Häufig fehlt uns dazu im Alltag aber leider die Zeit. Im Internat ist alles an einem Ort und so ist es deutlich einfacher, vielen Interessen nachzugehen. Ich habe für mich das Theaterspielen und den Laufsport entdeckt. Aber das war noch nicht alles, darauf können Sie sich verlassen! Unsere Schuldirektorin und meinen Eltern habe ich bestimmt das eine oder andere graue Haar beschert, da ich meine Nachmittagsaktivitäten einfach nicht reduzieren wollte. Aber wie soll man sich bei all diesen Möglichkeiten im Bereich Kunst, Kultur, Sport und Literatur denn auch entscheiden können? Ein weiser Philosoph sagte einst, dass alles Wissen es wert sei, gewusst zu werden. „Wissen“ ist meiner Meinung nach aber nicht nur das, was wir auswendig memorieren können (wie die binomische Formel) sondern auch das, was wir an Fähigkeiten erlernen, ob nun als „social Skills“ oder als Können im sportlichen Bereich. Was macht man dann, so als junger Altschüler, wenn man das Internat verlässt? Für mich ging es erst mal in die große weite Welt hinaus, was bestimmt auch damit zusammenhing, dass ich zunächst so gar nicht wusste, in welche Richtung es für mich weiter gehen sollte. Jura, Psychologie, BWL… Für mich haben sich die Dinge erst während meines Auslandsjahres gefügt. Erste Station: Mexiko City. Durch das Internat hat man viel Kontakt zu Schülern aus aller Welt und so habe ich meine damalige Zimmergenossin besucht und danach in den USA als Reittrainerin gearbeitet. Das ist ganz praktisch, wenn etwas, dass einem Spaß macht, auch noch das Reisen finanziert. Auf jeden Fall habe ich in dieser Zeit gelernt, dass ich mich auf mich verlassen kann, ich mich alleine durchbeißen und finanzieren kann. Deshalb würde ich, ganz abgesehen von einem Aufenthalt am Internat, jedem ein Auslandsjahr empfehlen. Die Erfahrungen die man dort macht, bringen einem häufig eine neue Sichtweise. In vielen Gesprächen mit vielen verschiedenen Menschen hat sich für mich ein klareres Bild meines Weges abgezeichnet, den ich nun anfange zu beschreiten. Da die Anmeldefrist für das University College Amsterdam (AUC), auf das ich ab September diesen Jahres gehen werde, schon abgelaufen war, habe ich beschlossen, in Berlin mit einem Philosophiestudium zu überbrücken. Philosophie hat mir schon am Internat sehr gut gefallen, ich finde es stärkt die Fähigkeit zur Reflexion, erweitert den Wortschatz und gibt einem neue Diskussionsstrategien an die Hand. Während des Studiums hier in Berlin merke ich deutlich, wie sehr ich den besonderen Lernaspekt des Internatslebens vermisse: Das Diskutieren von Unterrichtsthemen über die Stunde hinaus, sei es Biologie, Politik oder eben Philosophie. Diese Form, Wissen zu leben, liegt mir sehr und hat mich sehr darin bestärkt, mich für eine Campusuni mit Campusleben zu entscheiden. Auch wenn ich es jetzt genieße, im Studentenwohnheim eine eigene Wohnung und sehr viel Unabhängigkeit zu haben, mag ich es doch sehr, in einer aktiven Gemeinschaft zu leben. So wie ich es schon am Internat genossen habe, auf dem Gelände immer jemanden anzutreffen, den man kennt. In den USA habe ich mich bei einem zufälligen Treffen mit einem Selfmade-Millionär im Immobilienbereich unterhalten, der sich alles aufgebaut hat, alles verloren hat und wieder erarbeitet hat. Er glaubt stark an das Gesetz der Anziehung. Wenn man sich mit Dingen intensiv auseinandersetzt und in Folge dessen auch beginnt, sich um sie zu bemühen und sich dafür einzusetzen – dann kommen sie auch zu einem. Es gilt, in genau diesem Moment, mutig und offen zu sein und die Chancen zu ergreifen. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: „Man bekommt keine Möglichkeiten geboten – man kreiert sie selbst, das Leben liefert nur nicht immer so schnell, wie man es gerne hätte“. Ich glaube, dies wird ein wichtiger Bestandteil meines Lebens werden. Da ich es liebe, Menschen miteinander zu vernetzen und Probleme aus dem Weg zu schaffen, werden sich immer wieder Gelegenheiten ergeben. Für dieses Jahr gesprochen, möchte ich mehr Entschleunigung und Achtsamkeit lernen, um für meinen Plan auch gute Kraft zu haben. Ich kann mir gut vorstellen, nach meinem Master in die Unternehmensberatung zu gehen und später dann, wenn ich mehr Lebenserfahrung habe, im Bereich Coaching zu arbeiten. Wobei ich immer berücksichtige, was mich der Mut zum Bewerben auf das Stipendium für das Internat Solling gelehrt hat: Machen, versuchen, ausprobieren. Sonst weiß man nie, wie toll es sein kann.
Janine Subgang
LSH 2014 – 2017
Beratungstermin vereinbarenInfomaterial anfordern