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Im Juni 1945 gab es zwei Schüler am Landschulheim (Internat Solling), die nicht nach Hause konnten, da ihre Familien in der sowjetischen Besatzungszone lebten.Das waren der Zahnarztsohn Jochen Schmidt aus Eisenach und ich, dessen Familie in Erfurt lebte. Wir hausten gemeinsam in einem Zimmer des Bürotrakts des Unterhauses und haben abwechselnd eine Woche in der Gärtnerei und eine in der Landwirtschaft gearbeitet – wobei wir zwei Jungs im stolzen Alter von 10 Jahren für die Arbeit in der Landwirtschaft die „Schwerarbeit-Zulage“ bekommen haben! Wir waren sehr froh, als es im Oktober 1945 im Vorwerk in der Mühle wieder mit dem Unterricht losging und mit den zurückkehrenden Mitschülern auch wieder so etwas wie Normalität einkehrte.
Zuvor waren Ostern 1945, als landesweit alle Schulen geschlossen wurden, die Schüler, deren Eltern nicht im Umkreis von 90 km wohnten, mit einem Pferdefuhrwerk von Grupes in Allersheim aus über die Lüneburger Heide (mit einer Übernachtung in dem bereits leerstehenden Internat Marienau) nach Schleswig Holstein gereist. Auf Eiderstedt wurde eine Bauernfamilie evakuiert. Auf deren Hof wurde die Tenne in einen großen Schlafsaal für uns umgewandelt. Leider waren die Strohsäcke, die Hauptsturmführer Evert für unsere zusammen gesammelten Stockbetten organisiert hatte, aus einem ehemaligen Polenlager und sehr gut mit polnischen Flöhen gefüllt! Trotz täglichen Lüftens und Auswischen des Raumes mit Lysol hat es fast 6 Wochen gedauert, bis wir nicht mehr völlig zerbissen aufgewacht sind. Bei dieser Gelegenheit hat sich herausgestellt, dass mein Blut wohl leider köstlich ist.
Für mich, der aus einer Familie mit einem sehr liebevoll-intensiven Zusammenhalt auf das Internat gekommen ist, hat diese Zeit neben allen Entbehrungen und Ängsten auch eine ordentliche Portion Heimweh beinhaltet. Zu meinem Glück war meine Tante, Elisabeth Vahl, die Leiterin des Krankenreviers und somit immer in meiner Nähe. Umso größer die Wiedersehensfreude, als ich im Sommer 1946 endlich meine Familie wiedersehen konnte! Mein Vater hatte wohlweißlich Zigarren für die Russen dabei und so konnten Jochen Schmidt und ich bei Bad Sooden Allendorf über die grüne Grenze zu unseren Familien. Jochen ist anschließend nicht an das Internat zurückgekehrt.
Diese sehr intensive Zeit am Landschulheim hat auch zu engen Bindungen geführt. Auch wenn ich bereits nach dem „Einjährigen“ (so hieß früher der Realschulabschluss) Ende der 10. Klasse abgehen musste, da mein Vater wollte, dass ich einen „richtigen“ Beruf erlerne, sind hier Freundschaften fürs Leben entstanden. Ich habe lange Jahre einen LSH-Kreis im Stuttgarter Raum geführt, mit dem wir schöne Sachen unternommen haben, von einem Besuch einer Falknerei, über Theaterbesuchen bis hin zu Wanderungen war alles dabei! Leider ist dieser Kreis nach einer Weile völlig eingeschlafen. Das trifft aber nicht für meinen Kontakt zu Martin Barnutz zu, den wir beide getreulich pflegen!
Wie alle LSHler habe ich nicht nur gelernt, in der Gemeinschaft zu leben, sondern auch für andere da zu sein. So habe ich mich mein Leben lang sehr für andere engagiert, sei es als Vorstand eines Sportvereins, Gründungsmitglied einer Arbeitsgemeinschaft der Rheuma-Liga Baden Württemberg oder als Kassierer eines Kunstvereines. All diese Ehrenämter habe ich neben meiner Tätigkeit als Bauingenieur ausgeführt! Da ich schon als Kind Baumeister werden wollte, habe ich nach meiner Lehre und Gesellenprüfung als Maurer und einem halbjährigen Praktikum in einem Architekturbüro drei Jahre in Würzburg studiert. Die praktische Ausbildung war ein gutes Rüstzeug für meine spätere Tätigkeit, da ich häufig als Bauleitung vor Ort war.
Trotz all der einschneidenden Erlebnisse in meiner Schulzeit am Internat Solling habe ich diese in allerbester Erinnerung! Beim Altschülertreffen 2019 (an dem ich nach rund 20 Jahren, in denen ich nicht am LSH war, teilgenommen habe) konnte ich nur staunen und bewundern, wie wunderbar das Internat sich gemacht hat! Kein Vergleich zu den doch recht einfachen Verhältnissen, in denen wir hier gelebt und gelernt haben! Da es wohl das letzte Mal in meinem Leben war, dass ich am LSH sein konnte, habe ich mich noch mal tüchtig mit dem einmalig schönen LSH-Gefühl vollgesogen.
Auch wenn ich mich zu meiner Freude allerbester Gesundheit erfreue, hat leider meine liebe Frau mittlerweile die Pflegestufe 2. Zu ihrem Weichteilrheuma, dass sie schon seit vielen Jahren begleitet, sind noch Parkinson und eine sehr starke Skoliose hinzugekommen. Da kann ich zukünftig nicht mehr für 2-3 Tage weg. So bin ich nun Hausmann und es freut mich, dass meine Frau mir immer wieder bestätigt, dass ihr mein Essen schmeckt! Wenn ich mal ein Stündchen für mich habe, dann genieße ich etwas, das das Internat Solling in mein Leben gebracht hat: Ich lege eine CD ein und genieße gute Musik. Diese Liebe hat in der Hohen Halle ihren Anfang genommen.