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Julia

Ich möchte später zwei Kinder adoptieren. 
Natürlich weiß ich, dass die Schwangerschaft und das Durchleben einer Geburt eine besondere Bindung schaffen, jedoch denke ich auch, dass Liebe aus gemeinsamen Erfahrungen erwächst und ein Kind wird immer denjenigen als „Mama“ oder „Papa“ empfinden, der Kinderkrankheiten, Pubertät und Liebeskummer mit ihm durchlebt hat. Meine Eltern würden mich nicht weniger lieben, hätten sie mich adoptiert. Jeder Mensch soll die größtmögliche Chance erhalten, aus seinem Leben etwas zu machen und genau diese Möglichkeit möchte ich zwei Kindern bieten, die sonst eventuell nie aus der Heimsituation herauskommen würden. Ich möchte ihnen viele Türen öffnen, so wie auch meine Eltern mir alles ermöglichen was in ihrer Macht steht.

Aufgewachsen bin ich in Moskau, wohin mein Vater seiner Liebe zu Russland folgte. Meine Mutter wiederum folgte der Liebe zu meinem Vater. Ich habe eine großartige Familie! Mein Vater ist der schlaueste Mensch, den ich kenne und ich denke wirklich, er weiß alles. Meine Mutter hat, um uns ein Leben in Russland zu ermöglichen, auf eine eigene Karriere verzichtet, da die Gesetzgebung ihr dort eine Berufstätigkeit verbietet. Russland fasziniert meinen Vater seitdem er ein kleines Kind war. Er hat schon mit zehn Jahren begonnen Russisch zu lernen! Ich kann ihn sehr gut verstehen, da das Leben dort entschleunigter, ursprünglicher ist. So ist es in Usbekistan zum Beispiel völlig normal Lebensmittel auf dem Markt und nicht in einem anonymen Supermarkt zu kaufen. Die Menschen gehen freundlich und aufmerksam miteinander um – so ist es zum Beispiel selbstverständlich jemanden die Türe aufzuhalten oder einer älteren Dame mit schweren Taschen zu helfen. Da ich dort aufgewachsen bin, empfinde ich mich mehr als Russin denn als Deutsche. Nach wie vor fällt es mir leichter, manche Dinge auf Russisch zu formulieren. Im Russischen zum Beispiel werden Farben auch als Beschreibung für Emotionen benutzt. Da dies die Sprache meiner gesamten Kindheit ist, ist sie meiner Gefühlswelt näher.
Auf das Internat Solling bin ich gekommen, da ich mein Deutsch verbessern wollte. Den Ausschlag für das Internat Solling hat der Reitstall gegeben, ich reite, seitdem ich 4 Jahre alt bin. Auch meine Sportlichkeit ist meinen Eltern zu verdanken. Unsere gemeinsamen Ferien sind schon immer von Sport geprägt gewesen. Dass ausgerechnet das Skifahren einmal meine größte Passion werden würde, hätte sich jedoch niemand vorstellen können als ich 3 Jahre alt war. Kaum stand ich auf den Brettern, die mir nun die Welt bedeuten, habe ich geschrien wie am Spieß! Nach einer Schreiwoche waren meine Eltern davon überzeugt, dass ich nie Ski fahren würde. Weit gefehlt! Mit acht Jahren hat es Klick gemacht; seitdem versuche ich jede freie Minute in Skigebieten zu verbringen! Da es mir wichtig ist, später einen Beruf auszuüben, der mich erfüllt und glücklich macht, haben alle Gedanken bezüglich meiner beruflichen Zukunft mit Schnee zu tun. Den Skilehrer habe ich bereits gemacht.
Auf den Skibrettern fällt mir das am leichtesten, das mir wichtig ist: frei zu sein. Es gibt nur die Weite der Berge, den leuchtenden Schnee und Dich. Nichts anderes zählt mehr. Oberflächliches wie Aussehen oder Status verschwinden völlig aus dem Bewusstsein. Nur Du und der Schnee. Für mich gibt es nichts Schöneres auf der Welt – Skifahren gibt mit das Gefühl zu fliegen.
Das Leben ist einfach zu kurz um unglücklich zu sein.

im Mai 2019

Julia Schubert