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Ich muss ungefähr 8 Jahre alt gewesen sein, als ich aufgrund einer (von vielen) Hüft-OP mutterseelenallein mehrere Monate in einem Krankenhaus in München verbracht habe. Meine Mutter hatte als ehemalige Krankenschwester die Erfahrung gemacht, dass Kinder eher Theater machten, wenn ihre Mütter anwesend waren – so hat sie mich in München abgeliefert und die Frau eines Arbeitskollegen meines Vaters gebeten, hin und wieder nach mir zu schauen. Im Nachhinein verstehe ich sie und bin ihr nicht gram. Sie kannte es nicht anders und hatte ja auch noch drei Kinder zu Hause, die sie versorgen musste. Darüber hinaus war mein Vater selbstständig und sie hielt ihm den Rücken frei.
Natürlich haben diese Monate mich in vielerlei Hinsicht geprägt – nicht allein in der Form, dass ich nach meiner Rückkehr zur Belustigung meiner Geschwister mit einem bayrischen Akzent sprach. Ich habe von einer Nonne, die sich meiner sehr annahm, den Glauben daran erlernt, dass es da eine Instanz gibt, an die man sich immer wenden kann, wenn man Hilfe braucht. Noch heute bete ich – meist, um dem lieben Gott zu danken. Mein Leben ist wirklich paradiesisch!
Mein Mann und ich führen eine wunderbare, von Tiefe und Vertrauen geprägte Ehe, die auch nach mittlerweile 40 Jahren noch an Nähe gewinnt. Hier finde ich die Beständigkeit, die mich die Verlustängste, die ich in Folge der einsamen Zeit in München durchaus hatte, vergessen lässt- auch wenn wir uns an der Tischtennisplatte durchaus mal die Schmetterbälle um die Ohren jagen! Unsere drei Kinder haben wunderbare Partner, und nachdem ein Wohnprojekt („Wohnen mit Wahlverwandten“) welches wir planten, nicht zustande kam, leben wir seit 2012 mit unserer Tochter und ihrer Familie in einem Drei-Generationen-Haushalt und genießen natürlich die Nähe zu unseren Enkelkindern.
Zeit meines Lebens war mir meine Unabhängigkeit und das Bewahren meiner Individualität wichtig – finanziell war das Dank meines Vaters gegeben, persönlich musste ich mir individuelle Autonomie als ein Teil eines Zwillingspärchens durchaus erarbeiten. Ein großer, hilfreicher Schritt war diesbezüglich ein Aufenthalt in England, wo ich am Ende der 10. Klasse einige Monate verbrachte, um meine Englischnote zu verbessern. Währenddessen war meine Schwester Gisela bereits am LSH und hat sich dort einen eigenen Freundeskreis aufgebaut. In England war meine Zimmergenossin eine Venezolanerin, die mich nicht nur das Instrument „Quatro“ lehrte (und es mir schenkte, es ist nach wie vor in meinem Besitz), sondern vielmehr auch meine Liebe zur Ibero-Kultur weckte. Umso schöner war es für mich, dass ich am Internat Solling mein Zimmer mit Pilar aus Bolivien teilte. Blicke ich auf meine Internatszeit zurück, so war es eher eine ein wenig einsame Zeit, da sich damals bereits eine meiner Stärken herausgebildet hat – mir selbst treu zu bleiben. Ich blieb lieber für mich, als mich der Mehrheit anzupassen, und zog mich gern in die Übe-Zellen zurück, um Geige zu üben.
Dementsprechend habe ich nach unserem Abitur die Internatszeit als Lebensabschnitt abgehakt und fuhr nie zu Altschülertreffen.
Ich wurde Lehrerin, woran ein Stück weit wohl Herr Kupfer beteiligt war, der mich nach 22 Uhr seinerseits (unter einem Tisch in einem Jungenzimmer verharrend, er muss mich gesehen haben!) ignorierte, während er sich seelenruhig mit dem Bewohner des Zimmers unterhielt. Das ist mir nie wieder passiert, war mir aber ein pädagogisches Vorbild. Da es meines Erachtens keine Probleme, sondern lediglich Herausforderungen gibt, die es zu lösen gilt, zog es mich zur Sonderschulpädagogik. Ich mochte es sehr, für die verschiedenen Lern- und Verständnisebenen der Schüler kreative, individuelle Lösungen zu finden! Letztendlich wurde ich Waldorfschul – Lehrerin, was meiner Liebe zum Handwerk und zur Musik entgegenkam. Klavier, Querflöte und Gitarre (autodidaktisch) spiele ich, wenn ich Lust dazu habe. Die Geige kommt nun regelmäßig im Orchester „Collegium Musicum“ zum Einsatz.
Noch heute ist das Buchbinden, das ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Handwerks-Lehrerin erlernt habe, eine meiner Leidenschaften – ich habe Mühe, an schönen Papieren vorbeizugehen, ohne sie zu kaufen! Nachdem ich das einjährige Waldorf-Seminar in Stuttgart besucht hatte, wusste ich, dass ich meinen Weg gefunden habe. Was ich erst sehr viel später, als mein Vater sich vom Leben verabschiedete, erfahren habe, war, dass er die Gründung der Waldorfschule in Evinghausen bei Osnabrück maßgeblich finanziell unterstützt hat. So schloss sich ein Kreis und ich stimme der Aussage Rudolf Steiners vollkommen zu, dass es geistige Wirksamkeiten gibt.
Mein Kreis zum Internat Solling hingegen war noch offen. Nachdem wir durch den Umzug zu unserer Tochter dem LSH räumlich näher gerückt waren, überredete meine Schwester mich im Jahre 2012, doch an einem Altschülertreffen teilzunehmen. Dort traf ich Pilar wieder, welch große Freude!
Der Kontakt zum Internat hat sich durch mein ehrenamtliches Engagement für den gemeinnützigen Verein „Horizont International“ (der Betriebspraktika für Schüler, junge Erwachsene und Senioren („Spätlese“) ins Ausland vermittelt) intensiviert und so konnte ich auf `s Neue feststellen, dass es unserer Schule großartig gelingt, klassische Werte mit einer vielseitigen, weltoffenen und zukunftsorientieren Bildung zu kombinieren. Umso mehr freut es mich, mittlerweile eine LSH- Großmutter zu sein – unsere älteste Enkeltochter besucht seit August 2019 das Internat Solling als externe Schülerin. Somit schließt sich auch dieser Kreis, während der ihre zum Internat erst noch im Wachstum begriffen ist.