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Sören Brinkmann

Ich wollte mir schon immer die Welt erklären. Mithilfe meiner beiden Unterrichtsfächer gelingt mir dies ganz gut – die historische und die reale Welt erklären sich mir durch Geschichte, die fiktive durch Deutsch. Zudem war Geschichte meine erste Schulliebe – ich habe schnell realisiert, dass es mir in diesem Fach gelingt, mit wenig Aufwand gute Erfolge zu erlangen und überdies den Erfolg proportional zum Aufwand zu steigern. So wurde mein Noten-Ehrgeiz geweckt. So sehr, dass ich das erste Familienmitglied bin, das den akademischen Weg beschritten hat – als Kind einer Arbeiterfamilie bin ich mir sehr dessen bewusst, dass es sich dabei um ein Privileg handelt und stolz darauf.
 
Meine größte Schulliebe, meine Partnerin Verena, arbeitet und lebt nun auch hier am Internat Solling. Wir haben mittlerweile gelernt, klar zu artikulieren, wann es an der Zeit ist, „das Schulthema“ zu beenden und abzuschalten. So richtig gelingt mir dies allerdings bisher nur, wenn auch Verena nicht mehr arbeitet. Weiß ich sie am Schreibtisch, gelingt es mir lediglich halbherzig, abzuschalten. 
 
Ein geringer Preis dafür, sie nun wieder an meiner Seite zu wissen. Auch wenn ich dankbar dafür bin, dass digitale Medien mir ermöglicht haben, Fernunterricht abzuhalten und den Kontakt den Schüler:innen, sowie dem Freundeskreis und Familie, aufrecht zu erhalten, so geben mir diese Medien zwischenmenschlich nicht viel. Zumal ich die schreckliche Angewohnheit an mir beobachtet habe, dass ich während des Arbeitens mit Kamera sehr auf mein Äußeres fokussiert bin und somit mir selber zuschaue, wie ich schaue. Die Außendarstellung muss passen! Entsprechend mache ich mir auch spätabends, nach der Dusche im Anschluss an das Fußball Training, noch die Haare. Jogginghosen trage ich sowieso nicht, präsentiere mich aber auch den Schülern eher selten im T-Shirt. Es hilft mir, das Arbeits- vom Privatleben zu unterscheiden, indem ich vom Oberhemd in ein T-Shirt schlüpfe. 
Als schauspielbegeisterter Mensch stellt der Lehrerberuf für mich ein kleines Stück weit einen Ersatz für die Bühne dar. Auch mein (ständiges, ich gestehe) Bedürfnis nach Bestätigung wird als Lehrer befriedigt, ich vermag mittlerweile im Anschluss an den Unterricht gut einzuschätzen, ob eine Stunde angemessen war, oder nicht. Ich kann von meiner Persönlichkeit in den Unterricht einfließen lassen – muss es aber nicht. Anders verhält es sich bei meiner Arbeit als Kamleiter. Selbstverständlich gehe ich mit meiner Kam sehr viel privater um, als mit einer Schulklasse. Hier bin ich verantwortlich in allen Bereichen, auch wenn es mir wichtig ist, eine gewisse emotionale Distanz zu wahren. Ich kann und möchte meinen Jungs kein Vaterersatz sein – bin jedoch von Herzen gerne für sie da.
 
Ich sehe es so, dass ich den Schüler:innen viele Möglichkeiten und Chancen biete, von mir zu lernen. Allgemein ist es für mich eine große Motivation, desinteressierte Jugendliche für mein Fach oder ein Thema zu begeistern. Auch bei faulen Schüler:innen aus den unteren Klassenstufen ist bei mir ein solcher Ehrgeiz vorhanden. Ich lege jedoch großen Wert auf Eigenverantwortlichkeit ab einem bestimmten Alter / einer bestimmten Klassenstufe. Wenn Schüler:innen in diesem Alter es ab einem bestimmten Punkt nicht für wichtig erachten, den benötigten Aufwand zu betreiben, dann ist das für mich in Ordnung – solange sie um die möglichen Konsequenzen wissen und ich ihnen zuvor, aus meiner Sicht, passende Angebote gemacht habe. Es gehört mit Sicherheit auch zum Erwachsenwerden dazu, abzuwägen, wie viel Aufwand man in eine bestimmte Sache stecken möchte und kann – das respektiere ich vollkommen, da ich als Schüler selbst diese Erfahrungen gemacht habe. Eine Erfahrung, und hier schließt sich der Kreis, die mich letztes Endes genau hierhergebracht hat. An das Internat Solling, wo zufällig (ich möchte an Zufälle glauben, das gibt dem Leben zumindest einen Hauch von Magie) genau zu dem Zeitpunkt eine Stelle frei wurde, zu dem ich sie brauchte. Ein Ort, an dem ich weiterhin Erfahrungen sammle, die weit über die an einer Staatsschule hinausgehen.