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Mein Outing war so, wie es eigentlich sein soll. Auch wenn mein Vater (Jahrgang 1950, in dieser Generation wurde Homosexualität eisern unter einen Deckmantel des Schweigens gelegt und so ist er schlichtweg nie zuvor mit diesem Thema in Berührung gekommen) ein, zwei Wochen daran herumdenken musste, so haben es doch alle akzeptiert. Mein Mann Basti ist mittlerweile für meine Eltern wie ihr dritter Sohn, niemand hat mich zurückgestoßen oder gar aus seinem Leben verband. So großes Glück hat nicht jeder!
Es erfährt aber auch nicht jeder einen derart starken Zusammenhalt innerhalb der Familie und nicht in allen Leben von 29jährigen spielt die Familie eine so große Rolle. Meine vier Geschwister und ich eint unter anderem die Liebe zur Marschmusik, wir spielen alle gemeinsam mit unserem Vater im Tambourcorps Boffzen/Fürstenberg e.V. Eine Liebe, die unser Vater in die Familie getragen hat und die unsere Mutter schon allein deswegen unterstützt hat, da sie dadurch auch mal einen Tag ohne uns alle genießen konnte! Wie wohl jeder Junge habe ich an der Trommel begonnen (die ich auch heute noch spiele) und an der ich als „Trommelausbilder“ auch den Nachwuchs unterrichte. Meine große Liebe galt aber immer der Lyra (Metallophon). Schon vor meiner Mitgliedschaft im Verein durfte ich die Kinderlyra ausleihen und sobald eine frei wurde, habe ich sie mir geschnappt, mir selber beigebracht sie zu spielen und das tue ich nun seit mittlerweile 13 Jahren mit ungebremster Begeisterung! Ich bin wohl ein musikalisches Naturtalent, da ich mir auch das Gitarre spielen nach einigen Monaten Unterricht bei meinem Bandleader weitestgehend selber beigebracht habe, das Klavierspielen mit Zuhilfenahme von YouTube übe und mir momentan Querflöte beibringe. Wobei ich gestehen muss, dass Noten wirklich so gar nicht meine Welt sind, an der Gitarre nutze ich Grifftabellen und ansonsten spiele ich nach Gehör.
Auch wenn ich seit 2008 in der Band „Christi Road“ singe, so hatte ich nur vier Wochen Gesangsunterricht, dies im Zusammenhang mit dem Wettbewerb „Vocal Hero“, an dem ich zwei Mal teilgenommen habe. Beim ersten Mal habe ich eine Tonaufnahme gewonnen und beim zweiten Mal gab es als Vorbereitung auf das Finale vier Stunden Gesangsunterricht. Das war der Wettbewerbe nicht genug, im Alter von 16 habe ich bei einem Casting von „DSDS“ teilgenommen – das hat mich hinsichtlich dieses Formates, das ich mir seitdem nicht mehr anschauen mag, gründlich desillusioniert – Akkord- und Fließbandarbeit sind nichts dagegen! Bei „The Voice“, wo ich 2012 teilgenommen habe, verhielt es sich ganz anders. Vielleicht besuche ich irgendwann noch mal ein Casting. Ich muss es nicht unbedingt in die Charts schaffen, würde aber gerne erleben, ein-zwei Runden weiter zu kommen.
Ja, Musik spielt eine sehr zentrale Rolle in meinem Leben. Derart zentral, dass ich meine Urlaubstage auch während meiner Ausbildungszeit in Münster, wo ich im „Factory Hotel“ meinen Hotelfachmann gemacht habe, für Spielverpflichtungen der Band oder des Spielmannzuges genutzt habe und einmal sogar für einen Auftritt an einem Tag hin und her gefahren bin. Mein Mann hingegen ist völlig unmusikalisch. Auch ist er, im Gegensatz zu meiner Familie, nicht religiös und kommt nur mir zu Gefallen zu Konzerten unserer Band, deren Lieder immer Bezug zum Glauben haben.
Beides ist für mich vollkommen in Ordnung – der eine so, der andere so. Insbesondere, da Basti schlichtweg der Eine für mich ist. Wir sind nach drei Monaten Beziehung zusammengezogen (seine Eltern haben drei Monate nach ihrem Kennenlernen geheiratet! Damit haben wir immerhin vier Jahre gewartet!), waren das erste homosexuelle Paar, das in der Boffzener Kirche den Bund der Ehe eingegangen ist und nun planen wir gerade unseren Umzug in das Haus von Bastis Eltern. Dort wird es auf jeden Fall eine Bibliothek für uns geben. Insbesondere im Sommer lese ich gerne auf dem Balkon. Im Winter hingegen erfülle ich übrigens wahnsinnig gerne ein Klischee – ich stricke. Ein guter Film, meine fünf Stricknadeln und mein Mann neben mir – mehr braucht es oft nicht zum Glück.
Die Anstellung hier am Internat Solling, die ist auch so ein Glücksfall. Ich habe 2015 zufällig unseren Souschef Jan beim Einkaufen getroffen und ihm erzählt, dass ich in meiner damaligen Anstellung unzufrieden war. Kurz darauf hatte ich mein Vorstellungsgespräch am Internat (von dem ich selbst als Boffzener erst in meiner Berufsschulzeit in Holzminden erfahren habe, zuvor wusste ich nicht einmal, dass es hier ein Internat gibt) und erfreue mich seitdem an unserem tollen Team, in dem wir zig 1000 mal am Tage miteinander lachen und letztendlich auch an den für die Gastronomie sehr ungewöhnlichen, familienfreundlichen Arbeitszeiten. Denn das wäre das i-Tüpfelchen auf unser Glück. Wir wären sehr gerne Eltern. Wer weiß, was das Leben uns noch bietet?!