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Ich bin ein unerschrockener Mensch. Es ficht mich weder an vor 300 Menschen zu sprechen noch auf einer Pressekonferenz spontan Rede und Antwort zu stehen. Da ich häufig die Krisenkommunikation für die Kunden unserer PR-Agentur übernehme, ist ein „Ich sitze hier gerade mit einem Mandanten, hätten Sie kurzfristig Zeit“ – Anruf eines Anwaltes keine Seltenheit in meinem Arbeitsalltag. „Mandant“ und „gerade hier“ sind Stichwörter, die ganz klar auf Dringlichkeit hinweisen! Nach nunmehr 23 Jahren als Pressesprecherin reagiere ich zügig – jedoch nicht mehr aufgeregt. Ehrlich geschrieben mag ich diesen kleinen Adrenalinschub und stehe dem Kunden, für den eine solche Situation ja völlig neu ist, gerne mit meinen Erfahrungswerten zur Seite. Da Krisen weder auf Uhrzeiten noch Wochentage Rücksicht nehmen, kann es auch schon mal sein, dass ich zu später Stunde in die Tastatur statt zu meiner Bettlektüre greife. Da ich mich zum einen als Inhaberin für die Agentur und unsere Kunden verantwortlich fühle und zum anderen nächtliche Arbeitsstunden nicht die Regel sind, sehe ich das nicht als kritisches Thema.
Sicherlich ist dieses „sich einer Situation stellen, statt ihr zu entfliehen“ etwas, das ich ein Stück weit meiner Zeit am Internat Solling zu verdanken habe. An einer Staatsschule können die Schüler*innen sich in den dort deutlich größeren Klassen besser unsichtbar machen und schwierige Situationen mit ihren Mitschüler*innen durch den Rückzug in das elterliche Haus und Umfeld vermeiden – dies geht nicht, wenn man einander nicht nur auf einem überschaubaren Gelände kontinuierlich begegnet, sondern im Zweifelsfall vielleicht sogar am selben Tisch die Mahlzeiten einnimmt oder gar das Zimmer teilt. Mein Vater hat dieses Rundumpaket des Internatsalltages selbst erlebt und wollte auch uns Töchtern dieses Erlebnis zuteil werden lassen – obgleich wir nur wenige Kilometer von Holzminden (in Bodenwerder) wohnten. Da meine Internatszeit deutlich vor der Zeit der sozialen Netzwerke und der digitalen Kommunikation war, stellte diese Internatszeit eine temporäre Aussteigemöglichkeit von Zuhause dar, die ich herrlich fand! Im Umkehrschluss bedeutete es aber auch, mit einem Wochenende zu Hause selbst über die wenigen Kilometer nach Bodenwerder hinweg das kalkulierte Risiko einzugehen, sehr viel von dem, was am Wochenende im Internat passierte, zu verpassen. So musste nach der sonntäglichen Abendsprache der Wissensstand um die Informationen, was sich in der Disko zugetragen hatte und wer in wen neu verliebt war oder gar geknutscht hatte, aufgefrischt werden. Zu meiner großen Freude gelingt es mit meinen beiden LSH-Zimmergenossinnen, Insa und Silke, nach wie vor sehr gut, einander auch rund 35 Jahre nach unserer gemeinsamen Schulzeit auf dem aktuellen Stand zu halten – wir sind nach wie vor eng befreundet und stehen in häufigem Austausch. Welcher in den ersten Jahren nach dem Internat Solling zum großen Teil in Form von Briefen stattfand – Erinnerungsschätze, die ich den beiden zu ihren jeweils 50sten Geburtstagen geschenkt habe!
Meine Eltern führten ein Textilhaus. Für uns Kinder war es nicht nur normal zwischen Kleiderständern verstecken zu spielen, sondern auch die Doppelrolle als Tochter des Arbeitgebers und Kunden gegenüber als Teil der Familie, die das Geschäft repräsentiert, einzunehmen. Dadurch sind wir eher öffentlich groß geworden, was wiederum meinen Kommunikationsfähigkeiten zugute kam. Selbstverständlich war Textilpflege ein alltägliches Gesprächsthema in unserer Familie und so rührt sicherlich daher mein kleines Abendritual: Ich liebe es, die Wäsche zu machen (mithilfe von sechs! Waschmitteln. Kaschmir, schwarze Wäsche, Sport-Wäsche,…). Wirklich! Nach meinen kommunikationsgefüllten, hochkonzentrierten, oft von schnellem Reaktionsvermögen beherrschten Arbeitstagen, in denen es häufig auch menschelt, erfüllt es mich mit Ruhe, wenn frisch duftende Wäsche sorgsam aufgehängt ist. Da mein Mann ein fantastischer Koch ist (Perfekt für eine, in deren Internatsalltag das Essen durchaus eine große Rolle spielte! Stellt Schokobrotaufstrich eigentlich noch immer eine Währung dar?), darf ich unser Zuhause zu Recht als ein wohlriechendes Refugium bezeichnen! In dem ich dank eines nach Osten gehenden Fensters im Schlafzimmer oft sonnig erwachen und kurz Stille genießen darf. Wie gut wir es in Europa doch haben. Ich bin mir schon allein durch unsere Südamerika-Reisen sehr stark dessen gewahr, dass unser Selbstverständnis von Sicherheit für viele andere Menschen undenkbar ist.
Auch die Zukunft unserer Agentur ist gut abgesichert. Uns ist der nicht selbstverständliche Balanceakt gelungen, den Generationswechsel gut hinbekommen. Es ist nicht einfach, Nachfolger für eine inhabergeführte Agentur zu finden, denen es gelingt, im Sinne der Gründer zu agieren und somit Bestandskunden zu halten und zugleich offen für zeitgemäße Neuerungen zu sein, um neue Kunden zu gewinnen. Es erfüllt mich mit Stolz, diesen Weg mitbeschritten zu haben. Schlussendlich habe ich es in vielen Bereichen gut getroffen – wobei es sich durchaus um das Glück des Fleißigen handelt. „Langeweile“ und ich passen nicht in einen Satz – dafür schätze ich es einfach viel zu sehr, mich neuen Herausforderungen zu stellen!