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Das ich mal so glücklich sein würde, hätte sich im Jahr 2004 wohl niemand vorstellen können. Mein erster Mann ist im Alter von 56 Jahren schlagartig an einem Aneurysma gestorben. Von einem Tag auf den anderen war ich alleine mit unseren zwei Mädchen im damaligen Alter von 8 und 11 Jahren. Wenn Dir ein derartiger Schicksalsschlag widerfährt, gibt es eine Million Leute, die Dir Ratschläge geben wollen, wie Du es richtig machst – und vor allem, was Du falsch machst. Gott sei Dank hatte ich großartige Eltern und Schwiegereltern, die immer für uns da waren und mir den Rücken nicht nur freigehalten, sondern auch gestärkt haben. Auch hatte ich einen fantastischen Hausarzt, der mich geduldig durch meine vielen „ich darf nicht auch sterben, die Mädchen sind noch zu klein“ Panikattacken begleitet hat. Er hat mir jederzeit ein EKG gemacht, um mir vor Augen zu halten, dass ich gesund bin und mir einen Brief ausgestellt, falls ich am Wochenende mit einer Panikattacke ins Krankenhaus musste. Zudem hat er mir einen wichtigen Satz mit auf den Weg gegeben: „Du brauchst ein Jahr zum Trauern. Du erlebst ein Jahr lang jeden Tag neu und danach hast Du diesen Tag schon einmal durchlebt“. Wie Recht er damit hatte!

Sicherlich war ich durch meine Karriere im Leistungssport (ich war mehrfache deutsche Meisterin im Kunst-und Turmspringen) diszipliniert und schon immer ein „ich-gebe-nicht-auf-Typ“. Doch hat mich diese Zeit der Trauer noch kämpferischer und abgeklärter werden lassen.
Aber auch dankbarer. Mittlerweile kann ich aussprechen, dass, wenn man jemanden liebt, man ihm diesen Tod wünscht. Er musste nicht leiden. Wir gedenken seiner gerne, leiden aber nicht mehr. Das ist sicherlich der Zeit, ganz sicher aber auch dem Internat Solling zu verdanken. Meine Schwester hat mich 2006 darauf aufmerksam gemacht, dass es eine Website geben würde, auf der sich LSHler untereinander austauschen können. Eine gemeinsame Freundin wiederum hat Markus (der damals gerade nach Jahren in London, Paris und New York nach Frankfurt gezogen war) darauf aufmerksam gemacht, dass ich ganz in seiner Nähe wohnen würde, er könne sich doch mal über die Website bei mir melden. Das hat er zum Glück getan! Wir haben uns getroffen und seit einer durcherzählten Nacht – beide hatten in den vergangenen Jahren viel erlebt – ist eine ganz wunderbare Beziehung gewachsen. Ich glaube nicht, dass ich einen mir fremden Menschen an mich herangelassen hätte, doch kannten wir uns noch aus der gemeinsamen Schulzeit und hatten so von Anfang an eine vertrauensvolle Basis. Nicht nur gemeinsame Schulerinnerungen verbinden uns, wir haben denselben Geschmack und teilen auch die Liebe dazu, herzhaft zu lachen. Meine Tochter Katharina hat mal beim Abendessen gesagt: “Die Mama muss den Markus wirklich lieben, sie lacht über seine Witze“. Und wie! Wobei unser Humor mittlerweile als „Familienhumor“ bezeichnet werden sollte, wir lachen alle viel miteinander. Mittlerweile ist Markus Alexandra und Katharina seit mehr Jahren Vater und Vorbild, als mein erster Mann es sein konnte. Ich bin sehr glücklich, dass wir den beiden ein so stabiles und liebevolles Zuhause bieten können. Dank einer „herangeliebten“ Ziehtochter sogar für drei Töchter.

Ich glaube, das von mir von Kindheit an erlebte „open House“ – wir waren fünf Kinder (übrigens alle LSHler!), oft saßen zwölf am Mittagstisch – war für den zuvor eingefleischten Junggesellen Markus die größte Umstellung (neben den gerne mal herumfliegenden Schuhen der Mädchen). Umso mehr genieße ich es, dass auch er es schätzen gelernt hat. Da Markus nun sein berufliches Engagement beendet hat, freuen wir uns auf einen neuen gemeinsamen Lebensabschnitt. So können wir nun zum Beispiel Reisen und Mahlzeiten genießen, ohne das sein Handy ein omnipräsenter Begleiter ist.

Ich bin dankbar für alles, was ich erleben durfte und darf. Selbst für die negativen Momente, auch die haben mich weitergebracht.

im März 2020