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Polly

In meiner Brust schlagen zwei Herzen: zum einen das für meine Familie – bin ich hier am Internat Solling, fürchte ich zu viel von unserem Familienleben zu verpassen und nicht genug für meine Geschwister da zu sein – bin ich zu Hause, habe ich binnen weniger Tage Heimweh nach meinem Internatsleben. Dann schmerzt mein LSH-Herz. Das mir übrigens in die Wiege gelegt wurde, auch mein Vater ist LSHler!
Bei „Heimweh“ scheint es sich um so eine Art Familienkrankheit zu handeln. Da meine Mutter u. a. in Zimbabwe und Sambia aufgewachsen ist, vermisst sie das dortige Leben und hat uns auch regelmäßig dorthin mitgenommen, seit wir winzig sind. Auf jedem Rückflug verweinen wir Zwei die erste halbe Stunde des Fluges vor lauter Abschiedsschmerz. Nirgends anders habe ich so herzliche und freundliche Menschen kennengelernt wie in Afrika. Tatsächlich habe ich dort noch nie jemanden getroffen, der unhöflich war. Selbst ein Straßenräuber, der meinen Vater mal in Cape Town unter Bedrohung mit einem echt großen, dreckigen Messer ausgeraubt hat, hat ihm – als er dann das Bargeld hatte, das mein Vater zum Glück vorsorglich eingesteckt hatte – freundlich einen schönen Tag gewünscht!
Für mich riecht Afrika nach Sonne. Ich liebe die Weite dort, nicht die dreckigen und lauten Städte. Ich habe mal im Busch an einer Reit-Safari teilgenommen und war sehr beeindruckt davon, wie zielsicher der Tierarzt die Tiere vom Helikopter aus sediert hat. Der afrikanische Busch ist der Ort, an den ich immer wieder gehen würde. Am allerliebsten würde ich dort leben. Sprachlich gesehen hätte ich einen Heimvorteil, da wir als sehr anglophile Familie – meine Mutter ist in insgesamt sechs Ländern aufgewachsen, mein Vater arbeitet schwerpunktmäßig in London, wir Kinder haben englische Kindergärten/Schulen besucht und ich war bereits ein Jahr auf einem Internat in England, bevor ich an das Internat Solling gekommen bin – wohl „Denglisch“ bei uns als Familiensprache bezeichnen können. Wohingegen mein Spitzname „Lille“ („Kleine“! Ich bin mittlerweile stolze 1,83 m groß! Aber wie es halt mit Spitznamen so ist…), den ich von klein auf habe, nordischer Herkunft ist. Wir sind halt international!
Zum Einschlafen – ich schlafe immer zu Musik ein – versetze ich mich mit norditalienischer Musik aus den 50er Jahren in dieses sonnige Land, das ich mit Leichtigkeit verbinde. Eigentlich tauche ich auch gerne gänzlich in Buchwelten ab (so habe ich zum Beispiel mal auf einer Safari binnen drei Tagen eine vier Bände umfassende Buchserie verschlungen), finde hier im Internatsalltag neben den Schulaufgaben, meinen Freunden und meinem geliebten Pferd „Q“ allerdings nur selten Zeit dafür. Auch wenn es manchmal wirklich zeitaufwändig ist, ein Pferd zu haben – ich liebe es, jemanden zu haben, mit dem ich mich weiterentwickeln kann. Als ich „Q“ bekommen habe, war er in keiner guten Verfassung, durch schlechten Beritt waren seine Muskeln nicht mehr gut ausgebildet. Ich bin wirklich stolz darauf, wie viel wir binnen des vergangenen Jahres miteinander erreicht haben!
Auch meine Freunde würde ich nie vernachlässigen. Ich versuche, immer für sie da zu sein, wenn sie mich brauchen. Ich bin sehr ehrlich, auch wenn das nicht immer alle toll finden. Doch erwarte ich genau das auch von meinen Freunden: dass sie ehrlich zu mir sind. Ich schätze Menschen, die eine eigene Meinung haben und authentisch sind – einfache Mitläufer sind mir zu langweilig. Das bin ich ja auch nicht.

im März 2020