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Mein Großvater hat mich mit zur Jagd genommen seit ich ca. 5 Jahre alt war. Aus dem damit einhergehenden Erläutern der Flora und Fauna und dem unmittelbaren Erleben der Tierwelt ist eine tiefe Bindung zur Natur erwachsen. Selbstverständlich genieße ich jagdliche Erfolge (seit mittlerweile 6 Jahren); sehr viel mehr aber geht es mir um die Ruhe, die ich im Wald genießen kann. Nirgends sonst komme ich gedanklich so gut aus dem Alltag raus bzw. kann mich in Ruhe mit Dingen, die gerade in mir vorgehen, auseinandersetzen. Da mein Großvater gemeinsam mit einem anderen Jäger ein Revier gepachtet hat, kann ich jederzeit losziehen. Wobei es sich zwischen uns umgekehrt hat – früher hat er mich mitgenommen, nun, da er altersbedingte Gesundheitsbeschwerden hat, nehme ich ihn mit.

Vor dem Gang ins Revier stellt sich mir jedes Mal eine schwierige Frage: Was nehme ich mit, Waffe oder Kamera? Auch mit letztgenannter schieße ich scharf! Die Naturfotografie stellt mein größtes Hobby dar. Einen Instagram-Account betreibe ich nicht, da ich schon oft von anderen Fotografen gehört habe, dass es immer wieder zu Diebstahl von Fotos in sozialen Netzwerken kommt. Davor möchte ich mich schützen. Doch arbeite ich eng mit unserer Lokalzeitung zusammen, die auf mich zukommt, so sie Naturimpressionen braucht.

Nicht allein, dass ich recht früh mit zur Jagd durfte, war das Ungewöhnliche an meiner Kindheit. Auch hat meine Mutter mich gefühlt schon immer in Hemd und Pullover gesteckt und sowohl meine Mutter als auch meine Großeltern (die großen Anteil an meiner Erziehung hatten) legen Wert auf gepflegte Umgangsformen und darauf, sich gut zu artikulieren. All dies in Kombination mit meinem ja nun auch nicht wirklich alltäglichen Vornamen hat mich in der Schule stark von meinen anderen Mitschülern unterschieden. Der Besuch des staatlichen Gymnasiums in meinem Heimatort endete für mich nach viereinhalb Jahren.

Ich verließ die Schule mit dem Wunsch nach mehr Individualität. Unvergessen das Bild, welches sich bei unserem ersten Besuch des Internat Solling darbot! Goldener Oktober, Blätter raschelten unter unseren Füßen, alles strahlte in warmen Farben, auf dem Dressurplatz ritt ein blondes Mädchen und der Blick schweifte über das ganze Tal. Wow! Im Anschluss an die Führung von Herrn Müller war mir schnell klar: An diesem Ort verschwindet der Status, eine Nummer unter vielen anderen Schülern zu sein. So habe ich dann mit dem Satz: “Hier will ich hin.“ den Grundstein für die schönste Zeit meines bisherigen Lebens gelegt. Hier habe ich Freundschaften für mein weiteres Leben geschlossen und auch entgegen der früheren Aussage des Gymnasialdirektors mein Abitur gemacht. Noch heute besteht mein Freundeskreis zu einem Großteil aus LSHlern. Neben dem Akademischen habe ich hier definitiv gelernt, Freundschaften und Kontakte aktiv zu pflegen und nehme auch gerne längere Wege auf mich, um Freunde zu treffen. Insbesondere in der Pandemie bin ich mir sehr dessen bewusst, wie gut ich es mit diesem stabilen Freundeskreis, den ich dem LSH verdanke, habe. Da ich sehr gerne schreibe und kleine Geschehnisse des Alltages häufig innerlich zu Geschichten formuliere, pflege ich Freundschaften auch sehr gerne in Form von Briefen.

Die Dankbarkeit um meinen Freundeskreis rührt sicherlich auch daher, dass ich nun, in meiner Ausbildung zum Krankenpfleger, durch meine Patienten auch völlig andere, einsame Seiten des Lebens erlebe. Einen krasseren Gegensatz zur Geborgenheitsglocke am Internat Solling als meinen jetzigen Arbeitsalltag, in dem ich auch schon einmal einen Menschen, der austherapiert war, beim Ersticken zusehen und in der Psychiatrie auch Grenzerfahrungen mit gewalttätigen Patienten sammeln musste, kann ich mir kaum vorstellen! Doch bin ich ein anpackender Mensch und arbeite wirklich gerne. Schon als 10jähriger habe ich häufig in der Gastwirtschaft meiner Großeltern mit angepackt und dort Stullen geschmiert. Was war das für ein herrliches Gefühl, mein erstes selbstverdientes Geld in den Händen zu halten! Zudem lege ich Wert darauf, später (hoffentlich als Arzt) zu wissen, was ich meinen Kollegen abverlange und auf Augenhöhe mit ihnen kommunizieren zu können. Natürlich habe ich es damals aber auch oft einfach nur genossen, der Kleine zu sein, der in der Gastwirtschaft mit Apfelsinchen und den zuhause verbotenen Süßgetränken am Tresen sitzen darf.

Auch wenn meine Zukunftspläne durchaus ein Haus mit schönen, hochwertigen Dingen, eine Ehefrau, zwei Kinder und den Arztberuf beinhalten, so ist mir doch nur eines wirklich wichtig: ein glücklicher, zufriedener Mensch zu sein. Mein bestes Beispiel dafür ist eine Nachbarin. Sie ist tätowiert, gepierct, wohnt zur Miete und verdient mit ihrer Tätigkeit in einem Imbiss garantiert keine großen Reichtümer – ist aber ein herzensguter Mensch, der Glück ausstrahlt. Sie erinnert mich immer wieder daran, dass „Werte“ nicht äußerlich gemessen werden können. Wenn meine Kinder und Enkelkinder einander später erzählen, dass ich ein erfüllendes, erfolgreiches und glückliches Leben hatte – dann habe ich alles richtig gemacht. Daran und dafür arbeite ich. Egal wohin mich das Leben führt, ich werde nie vergessen, woher ich komme und wo meine Wurzeln sind.