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Daniel Hopkins

„Aus dem Hopkins wird doch nie was“, wird früher so mancher Wegbegleiter im LSH gedacht haben. Ich hoffe sehr, ich habe jene Skeptiker schon früh eines Besseren belehren können. Ich führte und führe immer noch ein sehr spannendes und bewegtes Leben. Und ich bin glücklich. Das Fundament dieses Glücks – davon bin ich fest überzeugt – wurde im LSH gegossen. Durch Wertevermittlung, durch das Zusammenleben mit Mentalitäten verschiedener Couleur, sowie durch gute Freunde, die meinen Charakter nachhaltig positiv formten und mich bis zum heutigen Tage prägen.

Es gibt Dinge, die begleiten einen das ganze Leben hindurch. Die Erinnerungen an die erste Freundin, den ersten intensiven Kuss, das erste Saufgelage mit Freunden. Es sind Erinnerungen, die sich unwiderruflich fest im Hippocampus festgesetzt haben und auch noch im hohen Alter detailgetreu abgerufen werden können. Die folgenden Generationen quittieren diese Fähigkeit mit staunenden Augen, wenn Papa oder Opa von seinen Erlebnissen aus der Jugend berichtet.

Ebenso verhält es sich bei mir, wenn ich heute meinen Kindern vom Leben im LSH berichte. Natürlich gebe ich dabei auch nur das preis, was auch der Erziehung meines Nachwuchses dient. Die teils makaberen Streiche oder die mitunter unzufriedenstellenden schulischen Leistungen finden daher in meinen Schilderungen nur bedingt Platz. Ich besinne mich dabei vielmehr auf die Aspekte, die mich voller Stolz jeden Tag aufs Neue daran erinnern, dass das LSH (und somit mein gesamtes, damaliges Umfeld) die entscheidenden Weichen für meinen weiteren Werdegang gestellt hat. Einen Werdegang, der durchaus als ungewöhnlich bezeichnet werden kann. Zumindest aber als ein erfolgreicher, den man dem „Chaoten“ Hopkins in den 90er Jahren sicher nicht zugetraut hätte.

Als ich 1992 ins LSH kam, hielt ich mich für einen Rebell, der sich gegen das Gesellschaftsbild der Erwachsenen auflehnen wollte. Für mich gab es nur meine eigenen Regeln. Das machte einen „Frischling“ wie mich nicht gerade zum beliebtesten LSH-Bewohner. Ich kann meinen damaligen Mentoren – allen voran Monique und Erhardt Ehm – daher nicht genug dafür danken, dass sie mich mit ihrer Erziehung in die richtige Bahn schubsten und somit dafür sorgten, dass ich mich einigermaßen adäquat ins LSH-Leben integrieren konnte. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht zu sehr auf den Ruf meines berüchtigten Kamleiters Herrn Ehm eingehen, der viel Gutes lehren konnte, aber selbst leider nicht immer gelebt hat. Es sei aber erwähnt, dass er mir Werte wie Respekt, Toleranz, Aufrichtigkeit sowie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn vermittelte. Werte, die es mir meines Erachtens noch heute ermöglichen, mich sinnstiftend in unsere Gesellschaft mit einzubringen. 

Das LSH sorgte darüber hinaus dafür, dass ich viele Menschen kennenlernte, die – nicht zuletzt, ob der gemeinsamen Erinnerungen – noch heute von besonderer Bedeutung für mich sind. Wenngleich der Kontakt zu den meisten von ihnen kaum oder nur sporadisch vorhanden ist, die Verbindung bleibt! Und es sei an dieser Stelle ein besonderer Dank an Mark Zuckerberg ausgesprochen, weil er uns mit Facebook ein Tool an die Hand gibt, mit dem wir uns zumindest digital nicht aus den Augen verlieren und bis zu einem gewissen Grad das Leben der Anderen verfolgen können. In der Hinsicht dürfte insbesondere ich (als fleißiger „Poster“) mitunter für außergewöhnliche und unterhaltsame Momente gesorgt haben. 

So teilte ich meine Weltrekordreise „Extreme-Couchsurfing: In 80 Tagen um die Welt“, meine Erfahrungen als Krisenberichterstatter im Irak, die Veröffentlichungen unseres Bildbands „Backstage – beluinus anus“ (wurde 2013 zum kuriosesten Werk der Frankfurter Buchmesse gekürt) und des Buchs „Und Sirius hat es gesehen“ (Biografie eines Künstlers), meine kulinarischen Ausschweifungen in mittlerweile über 70 bereisten Ländern und viele weitere spannende Projekte über das soziale Netzwerk. Und trotzdem, meinen damaligen Wegbegleitern sei gesagt: Ich vermisse Euch! Das Gefühl wird mit jedem Altschülertreffen (zu dem ich es schaffe) verstärkt, wenn ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge sinnierend über den Unterhaushof schleiche und mein Blick zur Unterhausglocke wandert. 

Apropos Unterhausglocke: Das „Aussteigen“ muss sich nicht unbedingt negativ auf den weiteren Werdegang auswirken, wie so manche Lehrkraft uns früher weißmachen wollte (ich hielt mich natürlich – so, wie viele andere meiner Kameraden auch – für den Aussteigerkönig par excellence). Denn, beruflich blicke ich auf eine recht erfolgreiche journalistische Ausbildung zurück, bei der ich mich auch stark in das gewerkschaftliche Engagement des Deutschen Journalistenverbands eingebracht habe. Vor allem die investigative Arbeit hat mich immer gereizt. Nach einigen Jahren habe ich aber zunehmend erkannt, dass meine Expertise und mein Drang nach lösungsorientierter Kreativität in der Unternehmenskommunikation besser aufgehoben sind. Neben der Optimierung von Interner und Externer Kommunikation in Unternehmen verschiedener Branchen, kümmere ich mich auch intensiv um eine effektive Unternehmensentwicklung. Ich bin froh, dass ich heute behaupten kann, dass mein Beruf auch meine Berufung ist.

Und ich genieße das Glück und Privileg, mich neben meinen privaten und beruflichen Verpflichtungen auch ehrenamtlich zu engagieren. Als Gründungsmitglied von „Wir starten gleich!“ kümmere ich mich u.a. um die Pressearbeit und unterstütze beim Fundraising. Unsere Initiative sorgt mittlerweile an zehn Standorten in Deutschland dafür, dass Erstklässler aus finanzschwachen Familien einen vernünftigen Schulranzen erhalten, um einen gleichberechtigten Start in den Schulalltag zu haben und nicht von Beginn an durch eine minderwertige oder ganz fehlende Ausrüstung ins Hintertreffen geraten. Die Übergabe der Tornister erfolgt anonym, die Kinder glauben, er sei ein Geschenk der Eltern. Nichts auf der handelsüblichen Ausstattung weist darauf hin, dass es sich um eine Spende handelt. Falls Euch das Projekt interessiert: Mehr Infos dazu findet Ihr unter www.wir-starten-gleich.de. 

Nicht zuletzt machen meine beiden Kinder und meine Lebenspartnerin Britta mein heutiges Glück perfekt! Ich möchte nun nicht behaupten, dies sei ein Verdienst des Lebens respektive der Erziehung im Internat. Das wäre doch ein wenig zu pathetisch. Aber ich glaube, dass das LSH und die Menschen, die dort lebten und arbeiteten, bei mir schon früh die Weichen für ein (überwiegend) verantwortungsbewusstes Leben stellten. Ich bin froh, Teil der LSH-Familie zu sein. Und ich bin stolz darauf, die im Solling erworbenen Werte wie Toleranz, Respekt und Aufrichtigkeit Tag für Tag zu leben und vorzuleben.

Und ich kann nur hoffen, dass es so jedem LSH’ler ergeht. Dann hat die Institution Internat Solling eine ihrer selbst auferlegten Ziele erreicht: Formung der Schülerinnen und Schüler zu wertvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft!

Fotos: Foto Weltkarte von Friso Gentsch, s/w Foto  1992 im Unterhaus-Speisesaal

Daniel Hopkins (LSH 1992 – 1995)
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