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Dr. Andreas Buchinger

Es stand für mich immer fest, dass ich in die Fußstapfen meines Großvaters und die meines Vaters treten würde, ich habe nicht eine Sekunde lang in eine andere Berufsrichtung gedacht. Selbst eine Berufsberatung, bei der ich damals am Internat Solling teilgenommen habe, hat „Medizin“ als Zukunftsperspektive ergeben – das war das „i-Tüpfelchen“ auf meinen Werdegang in unsere Buchinger (Fasten-)Klink, die seit 1920 besteht. Umso härter hat es mich getroffen, dass meine geliebte Medizin, die Wissenschaft, die ich leidenschaftlich gerne studiert und praktiziert habe, meine erste Frau nicht vor dem Krebstod retten konnte. Diese Hilfslosigkeit. Ich war ständiger Gast auf der Internetseite „clinicaltrials.com“ und habe nach neuen Therapiemöglichkeiten gesucht. Wir durften nach der Diagnose noch 5 gemeinsame Jahre erleben, zu meiner großen Freude konnte sie noch unseren 1. Enkel in ihren Armen halten.

Durch meine intensive Auseinandersetzung mit der Krebsforschung waren mir die mRNA Impfstoffe bereits bekannt und so war es für mich kein weiter Weg, mich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Ganz im Gegenteil: Ich habe mich einem Team von mobilen Impfärzten angeschlossen. Zum einen, um etwas für die Gesellschaft zu tun, zum anderen aber auch aus Solidarität mit den Kolleg:innen, die insbesondere in dieser Zeit Großartiges leisten (müssen). Aus meinen eigenen Erfahrungen auf Intensivstationen weiß ich um die Anstrengungen zwischen Leben und Tod und kann den Pflegenden nur meinen tiefen Respekt zollen. Ich empfinde es als Frechheit, wie schlecht diese Berufsgruppe hoch spezialisierter Menschen hierzulande entlohnt und respektiert wird. Umso dankbarer bin ich, dass es mir möglich ist, im Rahmen der Impfaktivitäten zumindest einen kleinen Teil beizutragen.

„Ein Teil von etwas Großem sein“ war für mich signifikant in meiner Schulzeit am Internat Solling. In Bad Pyrmont sagt der Name „Buchinger“ vielen Mitbürger:innen etwas, am LSH war ich einer von vielen in der Gemeinschaft und konnte mich in der so wichtigen Zeit der Adoleszenz gemeinsam mit anderen sozialisieren, ohne in einem besonderen Fokus zu stehen. Der am LSH herrschende Geist des Miteinanders hat sicherlich auch meinen Führungsstil geprägt: Vornan steht für mich immer das menschliche Miteinander, ich lege großen Wert darauf, mit meinem Gegenüber auf Augenhöhe zu kommunizieren. Nach wie vor stehe ich in engem, täglichen Austausch mit Freunden vom LSH. Hin und wieder erwischte ich mich bei dem Gedanken, wie schön es wäre, wie im Film „Feuerzangenbowle“ noch einmal inkognito ein Jahr als Schüler im Internat Solling erleben zu dürfen…das wäre traumhaft! 
 
In der Realität bin ich seit einem Jahr Rentner. Ich weiß die Klinik bei meiner Tochter Verena und ihrem Mann (der übrigens ein Altschüler ist!) in den allerbesten Händen und kann mich dem zuwenden, was in der arbeitsreichen Zeit zuvor nur wenig Platz fand: dem Reisen, dem Genuss der schönen Natur (insbesondere mit unserer geliebten Whippet-Hündin Rosie) und dem intensiveren Pflegen von Freundschaften. Zu meiner großen Freude teilt meine Frau Kirstin meine Neugierde auf Kultur und Austausch mit anderen, so dass mein Vergnügen daran durch das ihre verdoppelt wird. Ich halte oft inne und denke: „Andreas, hast Du es gut. glückliche, gesunde Kinder, die ihre Lebenswege erfolgreich beschreiten, entzückende Enkel, Du durftest mit 70 noch einmal eine neue Liebe kennenlernen und kannst nun mit freier Zeiteinteilung das Leben genießen.“ Ein Teil meiner Dankbarkeit gebührt natürlich auch der Familie, in die ich geboren wurde. Für mich beinhaltet diese Dankbarkeit, mich seit einigen Jahren verstärkt mit unserer Familienhistorie und unseren Wurzeln auseinander zu setzen. Die es in dieser Form nur dank eines einflussreicher Pyrmonters (oder vielleicht ein ehemaliger Marinekamerad meines Großvaters) gibt, dessen Namen wir nie herausfinden konnten. Meine Großmutter, die einen jüdischen Vater hatte, wurde auf dessen Weisung hin von der Deportationsliste gen Theresienstadt gestrichen. Die jüdischen Wurzeln eines Teils meiner Familie faszinieren mich noch heute, vielleicht gelingt es mir eines Tages, den Ort in Spanien ausfindig zu machen, von dem aus der jüdische Teil meiner Familie vor der Reconquista nach Deutschland geflohen ist. Dank dieses, meine Großmutter rettenden, Menschen gab es meinen Vater, der mich im Alter von 3-4 Jahren zu einem Altschülertreffen am LSH mitnahm. Diese Erinnerung, als kleiner Junge in diesen beeindruckenden Räumlichkeiten zwischen vielen großen Erwachsenen zu stehen, ist die erste von sehr vielen eindrucksvollen, prägenden LSH-Erinnerungen. Das Internat Solling ist meine geistige Heimat, ich bin sehr froh und dankbar, damals entschieden zu haben, dort meine Schulzeit verbringen zu wollen. Wahrscheinlich habe ich diese Entscheidung schon damals, bei meinem ersten Besuch dort in der Schmilinsky-Halle getroffen und somit in diesem ehrwürdigen Raum begonnen, neben meiner Herkunftsfamilie auch die selbst geschaffene LSH-Familie in meinem Herzen zu tragen.