50-prozent
Skip to content

Dr.med. Ute Braun-Munzinger

Seit 35 Jahren leben wir nun schon in dem Niedersachsen-Haus, in dem bis Anfang der 30er Jahre meine Urgroßeltern zu Hause waren, in dem auch meine Großmutter Martha geboren wurde und bis zu ihrem 20. Lebensjahr gewohnt hat. Bei den Renovierungsarbeiten vor unserem Einzug habe ich die uralten Fliesen in der Eingangshalle sorgsam aufnehmen und nach Erneuerung des Bodens wieder verlegen lassen – so denke ich jeden Tag daran, dass Omi auf diesen Fliesen laufen gelernt hat. Ich selbst laufe jeden Morgen als weltschönstes Morgenritual über diese Fliesen: Noch im Bademantel gehe ich zu meinen Pferden in den Stall, knuddele jedes durch und füttere sie. Seit ich die Arbeitszeiten in meiner Praxis reduziert habe, vollendet nach dem Frühstück ein Ausitt meinen Start in den Tag.
Meine große Leidenschaft für das Reiten (die derart groß ist, dass ich 1996 eine Knabstrupperzucht gegründet habe; zu meiner großen Freude leben Zucht-Hengste und -Stuten von mir sogar u. a. in Südafrika, England, Dänemark und Kalifornien und mit deren Besitzer:innen stehe ich nach wie vor in regem Kontakt) nahm im Landschulheim seinen Anfang.
Die Scheidung meiner Eltern hatte etwas von einer Illustration aus dem Buch „Das doppelte Lottchen“ von Erich Kästner. Mutter mit Anwalt links, Vater mit Anwalt rechts – meine Zwillingsschwester und ich klein dazwischen. Der Richter beugte sich von seinem hohen Podest zu uns herunter und fragte jovial: „Zu welchem Elternteil wollt ihr Zwei denn?“. Wir, damals 15 Jahre alt, hatten uns bereits im Vorfeld beratschlagt und uns für beide Elternteile entschieden – in der Form, dass wir auf ein Internat wollten, da uns dies als die mit Abstand fairste Lösung erschien. Nach einigen Wochenenden „Internats-Tourismus“ mit unserer Mutter fiel die Entscheidung für das Internat Solling, das uns gleich bei der ersten Besichtigung begeisterte. Zum Glück! Die Zeit dort war wunderschön und mit unseren Eltern konnten wir auf diese Weise einen gleichermaßen guten und herzlichen Kontakt halten.
Die Freiheiten, die uns im LSH gewährt wurden – so lange die Noten gut waren! – kamen mir als schon immer sehr freiheitsliebendem Menschen sehr entgegen. Meines Erachtens kamen wir im besten Alter nach Holzminden: Mit Erlangen der Magisterreife hat man uns viel Spielraum gelassen. Gut war auch, dass meine Zwillingsschwester und ich in unterschiedlichen Kams untergebracht wurden – so waren wir nicht mehr „UteElke“, wie zu Hause vereinfachend gerufen, sondern konnten uns vielmehr individuell in die Adoleszenz stürzen und entwickeln! Herrliche Erinnerungen wie zum Beispiel die, nächtens im Wald mit einer Gruppe Jugendlicher in den Sternenhimmel blickend Lieder unter Gitarrenbegleitung der Iberos mitzugrölen oder das morgendliche Klopfen an meiner Zimmertüre „Ute, in einer Viertelstunde beginnt der Unterricht“ (ich habe schon früher nicht gerne gefrühstückt und hatte eine Zeitlang das Glück, ein Zimmer in unmittelbarer Nähe zum Klassenzimmer zu haben) haben mich immer glauben lassen, dass ich meine Kinder auch auf das Internat Solling schicke, wenn sie in der 10. Klasse sind. Als es dann so weit war, konnte ich es dann aber doch nicht. Ich habe es einfach zu sehr genossen, ihren Weg ins Erwachsenenleben hautnah miterleben zu dürfen! Insbesondere, da ich nach der Geburt unserer ersten Tochter zunächst beschlossen hatte, in der Mannheimer Klinik, in der ich damals in der Notfallmedizin und Anästhesie sehr gerne tätig war, weiterzuarbeiten. Bis ich mir eines Abends vom Kindermädchen erzählen lassen musste, meine Tochter hätte angesichts meines Fotos zum ersten Male „Mama“ gesagt und wenig später ihre ersten Schritte ohne mich gemacht; nein, da war Schluss! Ich nahm eine 10jährige Berufspause und habe mich voll und ganz unseren drei Kindern – Corinna, Lucia und Felix – und der Familienarbeit gewidmet.
Zur Medizin kam ich erst spät: Nach einem Umweg im „Studium Generale“ in der Volkswirtschaft, Chemie, Physik, Geologie hatte ich mich für meine absoluten Lieblingsgebiete Archäologie und Kunstgeschichte entschieden; als es dann aber nach bestandenem Zwischenexamen auf vielmonatige Ausgrabungstour Richtung Jemen gehen sollte, erkannte ich, dass dieser Beruf mit einer Familiengründung mit meinem Mann (Chirurg) nicht vereinbar war und begann das Medizinstudium.
Da ich sehr gerne meine eigene Herrin sein wollte, war das berufliche Ziel eine eigene Praxis für Allgemeinmedizin – dieses habe ich 1993 verwirklicht. Ich, die nicht sehr gerne an Grenzen stößt, habe schnell gemerkt, dass die klassische Schulmedizin alleine mir nicht reicht, und so habe ich mich (anfänglich skeptisch und dann umso überzeugter!) zusätzlich zunächst auch den chinesischen Heilmethoden wie zum Beispiel Akkupunktur und TCM zugewandt. Zu meiner großen Freude konnte und kann ich häufig Patient:innen weiterhelfen, die mit der Aussage „austherapiert“ von anderen Kolleg:innen zu mir geschickt wurden. So kam es beispielsweise auch zu einer ganz besonders schönen Begebenheit: Eine junge werdende Mutter wurde von ihrem Gynäkologen im 9. Monat der Schwangerschaft zu mir geschickt – das Kind lag in Steißlage; es sollte ein Kaiserschnitt gemacht werden, da alle gängigen Methoden zur Kindsdrehung versagt hatten. Ich setzte Nadeln und wollte eigentlich meine Sprechstunde weiterführen. Doch kam nach 10 Minuten eine Sprechstundenhilfe angelaufen, ich müsse unbedingt nach der Frau sehen, es ginge ihr sehr schlecht. Sie hatte starke Schmerzen – ihr chinesischer Puls jedoch verriet mir, dass dieses einen positiven Hintergrund hatte… eine halbe Stunde später entließ ich sie mit der Auflage, sich erneut ihrem Gynäkologen vorzustellen, wo festgestellt wurde, dass das Kind sich tatsächlich gedreht hatte! Der Clou kam 17 Jahre später: im Rahmen einer vom Impfzentrum organisierten öffentlich Covid-Impfung stand im Sommer dieses Jahres unvermittelt ein 17jähriger vor mir, dessen Mutter sagte: „Eigentlich kennt ihr einander bereits!“ er war zu meiner großen Freude das Baby, dem die von mir gesetzten Nadeln die Richtung gewiesen hatten!
Da haben sich die Diplome, die ich in chinesischer Heilkunde (u. a. direkt an der Universität Nanking/China und bei Prof. Yamamoto in Miyazaki in Japan – ganz besondere Erlebnisse!) erworben hatte, aber auch die Fortbildungen in Naturheilkunde, Cellsymbiosis-Therapie, Mitochondrialer Medizin (diese beiden letzten Themen stellen meiner Meinung nach den Schlüssel der Medizin der Zukunft dar) etc., allemal gelohnt!
In China habe ich erfahren, dass bis vor ca. 150 Jahren ein Patient seinen Arzt nur so lange bezahlen muss, wie er (Dank der die Gesundheit erhaltenden Unterstützung des Arztes) gesund blieb. Erkrankte wurden kostenlos behandelt. Dies ergibt meiner Meinung nach absolut Sinn! Früherkennung bereits eingetretener Krankheiten ist gut, doch sollte der Weg der sein, dass es gar nichts an Krankheiten zu erkennen gibt! So habe ich mich hingesetzt und mein diesbezüglich gesammeltes Wissen zu einem Buch zusammengetragen. In meinem 2019 veröffentlichten Buch „Lange leben, ohne alt zu werden“ zeige ich einfach umzusetzende Wege und Strategien auf, mit denen Menschen Erkrankungen vermeiden und Alterserscheinungen mindern können.
Was ich persönlich natürlich auch versuche! Zudem habe ich vor zwei Jahren den kassenärztlichen Teil meiner Praxis verkauft und behandle seitdem in reduzierter Stundenzahl noch naturheilkundliche Patient:innen und Privatpatient:innen. So habe ich nun den Freiraum, täglich auszureiten, als Schiffsärztin die Welt zu erkunden, mich meiner Enkelin zu widmen, mit meinem Partner oder auch meinen Kindern zu verreisen und all das zu tun, was mir Spaß macht. Mit großem Genuss!