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Elke Braadt

Ich habe ein kleines Abend-Ritual. Am Ende eines jeden Tages überlege ich, was mir Schönes widerfahren ist und rufe mir in Erinnerung, von welch tollen und kostbaren Menschen ich umgeben bin. Selbst als hier vor kurzem eingebrochen wurde, ich unter Schock zitternd und unendlich traurig über den Verlust von unersetzbaren Erbstücken, Liebesgaben (selbst meine kleine Taufkette mit einem Herz und meinem Namen darauf haben diese Unmenschen mir geraubt!) und Souvenirs im Bett lag, konnte ich dank dieser Überlegungen in der Gewissheit in den Schlaf gehen, dass ich mich glücklich schätzen kann.

Dies wahrzunehmen ist mir in der akuten Trauerphase um meinen Lebensgefährten, mit dem ich drei Kinder habe (unser Sternenkind Kim, der am 3.Lebenstage wieder von uns ging; unseren Sohn Lino der 14 war, als sein Vater starb und unsere Tochter Lola zum damaligen Zeitpunkt 12 Jahre alt), nicht immer gelungen. Ich hätte seinerzeit innerlich zerspringen können und habe den damaligen Frühling dafür verdammt, so lustig-leicht-hell daherzukommen. Doch habe ich mir mit der Unterstützung meiner lieben Freunde und Familie, später in der Beziehung zu meinem Freund Charly, das Leben und die Freude daran zurückerobert – und lasse beides nicht wieder los! Ein wichtiger Anker stellen meine frühmorgendlichen Gassi-Runden mit meiner Dogge Bella dar – wenn die Welt noch so ganz still und unberührt ist, komme ich in eine meditative Ruhe. Dasselbe gilt für meine Ausritte am „Ärztesonntag“, dem Mittwochnachmittag, und am Wochenende. Natürlich ist manches Mal die Versuchung groß, mich einfach nur mit einem Buch aufs Sofa zu kuscheln, doch fühle ich mich nach einigen Stunden im Stall und in der Natur ungleich ausgeruhter und ausgeglichener, als es nach einem faulen Nachmittag der Fall wäre. Der Duft des Waldbodens, das Flüstern der Blätter, Vogelgezwitscher, die Verbindung zu meinem Pferd – da brauche ich nichts anderes, all dies stellt meine persönlichen Momente der Einkehr dar. Diese kleinen Auszeiten sind insbesondere deswegen wichtig für mich, da ich nach wie vor Vollzeit in meiner Praxis (ich, die nie Medizin studieren wollte, bin leidenschaftlich gerne Internistin) arbeite und mich dementsprechend den lieben langen Tag immer wieder auf verschiedenste Menschen einstelle.

Die Liebe zur Natur und zum Reiten ist ein Stück weit dem Internat Solling geschuldet. Da meine Mutter meiner Zwillingsschwester Ute und mir immer nur im Besten von ihrer eigenen Internatszeit auf Schloss Biberstein vorgeschwärmt hat und wir uns nach der Scheidung unserer Eltern nicht gegen ein Elternteil, sondern für gleichberechtigte Zeit mit beiden und somit für ein Internat entschieden haben, sind wir als Backfische nach Holzminden gekommen. Noch heute erinnere ich mich, wie sehr der Campus mich mit den wunderschönen Bäumen und Pflanzen, den ehrwürdigen, alten Gebäuden und der großzügigen Weite schon bei unserem ersten Besuch fasziniert hat. Da wir mit der Magisterreife bei passenden Schulnoten mehr oder weniger alle Freiheiten hatten, habe ich herrliche Erinnerungen! Ute und ich hatten eine Abmachung mit einem Pferdebesitzer, dessen Pferde wir jederzeit reiten durften und haben so (oder auf unseren Drahteseln) den Solling ausführlich erkundet. Noch heute zählen LSHler zu meinem Freundeskreis. Auch wenn man sich nur selten sieht oder hört – auf der Basis der gemeinsam erlebten Internatszeit ist immer eine besondere Nähe da, als wenn man sich nur kurz nicht gesehen hätte.

Wenn ich mal nicht mehr in meiner Praxis arbeite, möchte ich mich verstärkt dem Erlernen von Fremdsprachen, intensiver der Pflege von Freundschaften und dem Reisen widmen – kann mir aber auch durchaus vorstellen, als Schiffsärztin die Welt zu erkunden oder als „Ärztin ohne Grenzen“ mein Wissen anderen Kulturen zur Verfügung zu stellen. Derzeit ist „ein Kürzertreten“ allerdings wirklich noch gar kein Thema, da ich meinen Beruf über alles liebe (der Bereich „Innere“ bedeutet durchaus manches Mal spannende Detektivarbeit und ermöglicht es mir, Handwerk und Wissen zu kombinieren) und es sehr genieße, durch das mir erarbeitete Allround-Wissen (das meines Erachtens jeder Mediziner haben sollte) aus dem Vollen schöpfen und mit Ruhe und Selbstbewusstsein arbeiten zu können. Da ich meinen Mann an die Folgen seiner zu hohen Fettwerte und meinen geliebten Anselm an die Folgen seines Rauchens verloren habe, impliziert dieses Selbstbewusstsein auch, dass ich meinen Mund angesichts gesundheitsgefährdenden Verhaltens (wie z.B. Rauchen, Übergewicht…) garantiert nicht halte, insbesondere nicht gegenüber Menschen, die mir am Herzen liegen! Da kann ich gelegentlich durchaus penetrant werden.

Als ein Mensch, der das Leben mit all seinen Facetten leidenschaftlich liebt, fühle ich mich dazu ebenso verpflichtet, wie auch als Ärztin.