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Evert Freiherr Freytag von Loringhoven

Da ich etwas Besonderes bin, habe ich die Diagnose „MS“ erst in einem ungewöhnlich späten Alter, mit 56 Jahren, erhalten. Es hat mich getroffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel! Dies hieß für mich frühe Erwerbsunfähigkeit und das Aufgeben meiner Jagd, auch kann ich nicht mehr verantworten, mich selber hinter das Lenkrad eines Autos zu setzen. Doch hadere ich nicht mit meiner Behinderung, davon wird es nicht besser. Für mich sind Selbsthilfegruppen einfach nur furchtbar, sich gegenseitig voll zu jammern hilft gar nichts, man buddelt sich nur ein und kommt nicht mehr raus. Es ist wie es ist.

Ich war Schweinezüchter mit einem großen Betrieb. Das Landwirtschaftliche liegt bei uns in der Familie, auch mein Vater hatte eine große Landwirtschaft. Da der Betrieb außerhalb lag und meine Eltern geschieden waren, kam ich 1962 als Zwölfjähriger auf das Internat Solling – und hatte nicht einen Tag Heimweh! Das ganze Gegenteil, so nach zwei oder drei Jahren dachte ich ab der Hälfte der großen Ferien immer: „Mein Gott, nun sind schon drei Wochen vorbei, wann kann ich wieder ans Internat“. Zuhause war es immer grottenlangweilig, im Internat hingegen war immer was los!

Zunächst war ich in der Kameradschaft Struhnsee, ab Herbst 1962 war ich dann in der Kameradschaft von Harry Freitag, der leider kurz danach das LSH verließ. So kam ich in die Kameradschaft Neubert, womit die für mich schlimmste Zeit am LSH begann. Ich hatte in dieser Kameradschaft mit zwei Dingen zu kämpfen: Herr Neubert versuchte häufig, sich körperlich durchzusetzen und seine Frau lauschte an unseren Türen. Zu meinem Glück konnte ich dann in die Kameradschaft von Herrn Dr. Triloff wechseln, in der ich aufblühte! “Triller“, wie wir ihn nannten, hatte Verständnis für uns junge Bengel und sah auch mal über Unebenheiten hinweg.

Die mit Abstand schönste Internatszeit habe ich in der Kameradschaft Krüger verlebt, die einen unheimlichen Zusammenhalt hatte – was sicherlich auch unserem Kamleiter, Bumm Krüger, geschuldet war. So haben wir zum Beispiel mal in einer Nacht und Nebel Aktion jeweils drei Karren Mist vor den Vorder- und Hinterausgang der Mühle geschafft. Der Großteil unserer Kam hat da ordentlich geackert, mit Gummistiefeln haben wir die gut gefüllten Karren über den Hexentanzplatz befördert. Als Bumm Krüger unsere Planungen mitbekam (so, wie er einfach immer alles mitbekam: Haben wir nach dem Rauchen auf dem Hexentanzplatz ganz erwachsen an die Zahnpasta gedacht, schnupperte er an uns und rief:“ Ihr habt geraucht! Um diese Zeit riecht kein Mensch nach Zahnpasta!“), gab er uns den Schlüssel: „Damit Ihr nicht ausgestiegen seid, wenn jemand fragt!“. Sind wir nicht, wir stiefelten ja zur Türe raus! So konnte er am nächsten Tage die Frage, ob bei ihm Schüler ausgestiegen seien, wahrheitsgemäß mit „Nein“ beantworten und auch wir mussten nicht schwindeln! Es ist nie aufgedeckt worden, wer den Mist gebaut hat. Herr Zuckschwerdt hatte mich immer in Verdacht, irgendwann habe ich mich ihm gegenüber dann mal zu dieser Tat bekannt. 

Ich hatte den Spitznamen „Saisonarbeiter“ – erst, wenn es im Endspurt auf die Versetzung zuging, habe ich das Lernen angefangen – was ansonsten eher einen kleineren Stellenwert für mich hatte. Irgendwann wurde dies den Lehrern dann zu dumm und meiner Mutter wurde nahe gelegt, ich möge das Institut verlassen. Nach einer Landwirtschaftslehre habe ich dann Landwirtschaft an einer Fachhochschule studiert. Dennoch war die Internatszeit die prägendste in meinem Leben, dort habe ich nicht für die Schule, aber für das Leben gelernt! Die soziale Kompetenz, die mir beruflich sehr geholfen hat, das Netzwerken und die Kontaktpflege, all dies beruht auf dem Internat Solling. Mein Vater, der nicht von ungefähr zu den Gerechten unter den Völkern gehört, hielt es für eine nicht nennenswerte Selbstverständlichkeit Menschen zu helfen und hat mir dies mit in das Leben gegeben.

Auch jetzt noch ist das Altschülertreffen ein Highlight in meinem Jahr. Wir haben einfach alle denselben Stallgeruch, das schweißt zusammen und schafft eine ganz besondere Verbindung! Auch geht mir bei jedem Besuch am Internat Solling das Herz auf, wenn ich sehe, wie gut es da steht und was für einen tollen Eindruck es macht.

Blicke ich, nächstes Jahr 70 werdend, auf mein Leben, so ist es ein glückliches. Das allerbeste Jahr war 1987, da habe ich meine Frau geheiratet, mit der ich zwei wunderbare Kinder habe. Wenn wir alle miteinander am Tisch sitzen, meine Enkeltochter rast „ Oma, Oma“ rufend im Zimmer umher – das ist mein Glück.

Evert Freiherr Freytag von Loringhoven (LSH 1962 – 1968)
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