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„Und er zog fröhlich seine Straße“. Dieser Spruch, so erzählte es mir meine Mutter, stand auf ihrem Kalenderblatt, als ich am 26.6.37 in Landsberg an der Warthe als Sohn eines Berufsoffiziers und einer deutsch-baltischen Mutter aus alter Familie geboren wurde. Diesem Kalenderspruch widersprechend werden meine frühen Kindheitserinnerungen durch ein Ereignis verdüstert, das für mich und meine Familie von größter Bedeutung sein sollte. Als Sohn des Wehrmachtkommandanten von Berlin, Generalleutnant Paul von Hase, geriet auch ich, wegen führender Beteiligung meines Vaters an der Verschwörung vom 20. Juli 44, in Sippenhaft. Meine Mutter und zwei meiner älteren Geschwister kamen in Einzelhaft, ich dagegen wurde in das Kinderheim von Bad Sachsa verschleppt, mit mir 45 weitere „Verschwörerkinder“. Dort erhielten wir andere Namen und sollten nach Möglichkeit zu guten Nationalsozialisten erzogen werden. Wir waren hermetisch von der Außenwelt abgeschnitten und erfuhren erst Wochen nach deren Vollstreckung von den Todesurteilen unserer Väter! 
Nachdem meine Mutter und meine Geschwister am 30. September und ich am 6. Oktober endlich aus der der Sippenhaftung entlassen worden waren, fanden wir Zuflucht bei Freunden auf einem Rittergut in Dedeleben am Harzrand. Unmittelbar nach dem Zusammenbruch kamen wir durch Vermittlung der Grafen von Oeynhausen nach Bad Driburg, wo wir, fast mittellos, dann ein von der britischen Militärregierung beschlagnahmtes kleines Haus beziehen konnten. Nachdem ich die örtliche Volksschule besucht hatte, stellte sich meiner Mutter die Frage, wohin mit dem Sohn eines „Landesverräters“. Die psychologische Situation von uns Kindern des 20. Juli war unmittelbar nach dem Krieg keineswegs einfach. So ergab es sich, dass ich am 1. Mai 1948 ein Landschulheimer wurde und dies bis zum Abitur 1957 bleiben sollte.
Im LSH gab es auch andere Kinder aus dem Umkreis des Widerstandes, namentlich Evert Baron Freytag von Loringhoven, drei Schulenburgs, nämlich Frederike, Christiane und Fritz, sowie Anna von Tresckow. Andere „Verschwörerkinder“ hingegen besuchten Salem oder den Birklehof. Es spricht durchaus für den gewandelten Zeitgeist, dass wir vorbehaltslos im LSH aufgenommen wurden. Natürlich wussten die Lehrer von unserem besonderen Schicksal, doch wurde dies nicht groß thematisiert, wie das ja auch anderenorts in den frühen Nachkriegsjahren der Fall war. Aber das muss nicht verwundern. Die Zeit war noch nicht reif für eine Betrachtung sine ira et studio unserer jüngsten Geschichte. Der notwendige historische Abstand war noch nicht vorhanden; außerdem war die Kenntnis unserer jüngsten Vergangenheit noch zu unvollständig. Dies gilt es zu bedenken, wenn man sich hier ein gerechtes Urteil bilden will!  
Im LSH fand ich jedenfalls nach den turbulenten Zeiten der frühen Kindheit erstmals eine neue, unbelastete Heimat und so ist es bis heute geblieben.
Die gegenwärtigen Lehrer gehören für einen über 80-jährigen zu einer ganz anderen Generation mit neuen Vorstellungen. Doch tausche ich mich gerne mit ihnen aus, denn ich war stets von neugieriger Natur und die jüngeren und jüngsten Mitglieder unseres LSH befragen gerne uns ältere Zeitzeugen. Es war früher nicht alles besser, aber es war vieles anders und warum dies so war, darüber lohnt es sich nachzudenken, wie natürlich über die pädagogischen Vorstellungen, die zur Reformpädagogik gehörten und zu der Gründung der auf sie basierenden Internate führte.
Das LSH war für uns damals nicht nur Schule, sondern für viele von uns auch Ersatz für das fehlende Elternhaus! Mit anderen Worten, die Aufgabe der Internatsschulen und ihrer Lehrer war und ist umfassender und damit eine andere als die der staatlichen Schulen.  
Dem LSH verdanke ich vieles, auch die Anregungen, die zu meiner eher ungewöhnlichen Berufswahl, der eines Archäologen, führen sollten.  Aber wie kam ich gerade zur Archäologie und dies dazu im LSH, fernab von klassischer Kultur?  Dazu muss man wissen, dass man zu meiner Zeit noch die sogenannte Magisterreife erlangen musste, um in die Oberstufe zu kommen. Zum Erlangen dieser gehörte auch die „Wanderprüfung“, die von Dr. Ernst Günther Triloff abgenommen wurde. Triloff selber war ein großer Naturfreund und passionierter Wanderer, der deshalb jeden Sonntag mit uns in den Solling oder das sonstige Umland zog, wobei ausgedehnte Fußtouren von bis zu 30 km veranstaltet wurden – gelegentlich sogar Nachtmärsche! 
Natürlich war das nicht jedermanns Sache, wie sich leicht denken lässt und eigentlich auch nicht die meine!  Auf einer dieser Wanderungen, die uns u.a. zur Burgruine Eberstein bei Bevern führte, fand ein Mitschüler namens Erich Büttner im Burggraben eine reich verzierte spätmittelalterliche, grauglasierte Tonscherbe, an deren Aussehen ich mich noch genau erinnere.  An einer Stelle befand sich noch ein vor dem Brennen in den Ton zurückgelassener Fingerabdruck, der deutlich zu erkennen war. Ein etwa fünf Jahrhunderte altes Fragment zu finden, auf dem sich noch ganz direkte Spuren des Töpfers ausmachen ließen, hatte etwas Faszinierendes für mich.  Ich wollte mehr Funde aus der Vergangenheit! Von diesem Moment an packte es mich, wie ein Jagdfieber, das mich nicht mehr losließ. Ich begann, von unterschiedlichen Mitschülern begleitet, am Eberstein Sonntag für Sonntag nach Scherben und weiteren Altertümern zu suchen. So entstand allmählich eine kleine Sammlung von Bodenfunden, die später ins Heimatmuseum in Holzminden gelangte. 
Schon bald aber konzentrierte sich mein Interesse auf einen anderen Fundplatz, die sogenannte Rothe-Steinhöhle am Ith. Durch Zufall war ich nämlich auf eine alte Notiz gestoßen, in der von bronzezeitlichen Funden, Scherben, Reste von Feuerstellen und sogar Menschenknochen die Rede war.  Dabei war angeblich ein verschütteter Teil der Höhle noch unerforscht. Und eben da wollten wir ansetzen. 
Ich nahm Kontakt mit dem Holzmindener Heimatpfleger, Curt Sauermilch auf, der unsere Bemühungen bald mit Wohlwollen zur Kenntnis nahm und sie nach Kräften förderte. Mit wechselnden kleinen Gruppen von Mitschülern und sogar Mitschülerinnen und gelegentlich begleitet von Helmut Brückner, dem ich mich stets besonders verbunden fühlte, ging es nun nahezu jedes Wochenende los. Im Nachhinein denke ich, dass wir recht leichtsinnig waren. Es hätte doch so manches passieren können, während wir uns in eine enge, halb verschüttete und metertiefe Felsspalte abseilten. Aber Ängste irgendwelcher Art waren uns jungen Entdeckern fremd!  
Den Höhepunkt unserer Forschungen stellte die Entdeckung eines frühbronzezeitlichen Opferfundes in der Nähe des Höhleneingangs dar, auf den ich 1953 in Begleitung meines Klassenkameraden Christoph Nissen stieß. Ich erinnere mich genau, da dies ein unvergesslicher Moment für uns junge Höhlenforscher war! Auf einer Steinplatte in der Nähe des Höhleneingangs entdeckten wir Teile einer bronzenen Dolchklinge, sogenannte bronzene Noppenringe, die Teile eines Haarschmucks waren, einen Knochenpfriem und einige Tierknochen. Natürlich berührten wir, atemlos vor Entdeckerfreude, nichts, informierten aber sogleich den Kreisheimatpfleger Sauermilch. Die professionelle Fundbergung übernahm zu unserer Freude Dr. Martin Claus vom Landesdenkmalamt in Hannover mit seinen Mitarbeitern. Claus besorgte auch die wissenschaftliche Veröffentlichung des Fundensembles.  In einem begleitenden Pressebericht der Holzmindener Tageszeitung berichtete Sauermilch ausführlich. Zu unserer Freude wurden wir Schüler des LSHs lobend erwähnt. Die Funde gelangten ins Landesmuseum nach Hannover, wo sie jetzt ausgestellt sind. Im Internet ist die Fundstelle mit „von Hase Gang“ ausgewiesen.  
Die Aktivitäten dieser Art füllten mich derart aus, dass ich die Schule mit ihren Anforderungen stark vernachlässigte – was nicht ohne Folgen blieb…Mein Abiturzeugnis aus dem Jahre 1957 fiel eher mäßig aus. Weshalb ich es wohlweislich vermieden habe, dieses meiner Frau und meinen vier Kindern, die auf anspruchsvollen Schulen ihr Abitur machten, vorzulegen! 
Die LSH-Erziehung war zu meiner Zeit, zumindest für die Schützen, fast militärisch zu nennen. Ein morgendlicher Dauerlauf, kaltes Duschen und penible Schrankkontrollen gehörten ebenso dazu wie das bereits erwähnte, anstrengende Wandern. Es wurde großer Wert auf Abhärtung und körperliche Ertüchtigung gelegt, insbesondere in Kam Triloff. Hierzu ein Beispiel: Auf einer großen Wanderung besuchten wir, die Kam Triloff, das Sauerland und wanderten zum Hohen Asten. Es war sehr heiß und ich, bepackt mit einem schweren Rucksack, meldete mich mit den Worten bei Dr. Triloff: „Gibt es nichts zu trinken, wenigstens eine Cola würde mir sehr gut tun.“ Die barsche Antwort war: „Du, als Sohn eines Generals, solltest mehr Haltung zeigen.“ Ich war betroffen und habe es künftig vermieden, bei ähnlichen Situationen Schwäche zu zeigen. Und eben dies hat sich manches Mal in meinem Leben bewährt. Die LSH-Erziehung entsprach der damaligen Auffassung, denn Ähnliches wird auch von Salem berichtet!  
Nach einem mäßigen Abitur öffnete sich mir gleichwohl die Welt. So jedenfalls empfand ich das ersehnte Ende der Schulzeit. Und nun fasste ich kurzerhand einen Entschluss, der für mein weiteres Leben bis zum heutigen Tage von größter Bedeutung sein sollte: Um meine archäologischen Kenntnisse zu vertiefen, beschloss ich, nach Italien zu reisen. Für einen jungen Mann, der über keine größeren finanziellen Mittel verfügte, kam damals nur Autostopp infrage. Es sei hinzugefügt, dass ich damals über keinerlei Landeskenntnisse und keine persönlichen Verbindungen in diesem Land verfügte und zudem kein Italienisch sprach. So war die ganze Fahrt, die drei Wochen dauern und mich bis nach Paestum südlich von Neapel führen sollte, ein durchaus gewagtes Unternehmen. Doch alles endete gut! Meine große Liebe zu Italien und seinen Bewohnern geht auf diese Erlebnisse zurück. Und so heiratete ich 1964, also noch Student, eine bildschöne Italienerin, die meine archäologischen Interessen teilte und dem Germanen nach und nach römische Lebensweise vermittelte. Summa summarum verbrachte ich etwa zehn Jahre in Rom. Aus beruflichen Gründen musste ich nach Deutschland zurück, Rom blieb gleichwohl meine zweite Heimat. 
Das Studium der Klassischen Archäologie, Vor- und Frühgeschichte, Alten Geschichte sowie Ethnologie begann und beendete ich in Göttingen. Stipendien ermöglichten mir einen Aufenthalt an der Università per Stranieri in Perugia und an der Sapienza in Rom. Da ich aus familiären Gründen natürlich gerne in Rom bleiben wollte, wo ich inzwischen auch bestens in die Gesellschaft integriert war (nicht zuletzt dank meiner Heirat), verbrachte ich die ersten Jahre nach meiner Promotion in Göttingen, mit befristeten Verträgen am Deutschen Archäologischen Institut im Rom, kehrte dann aber wieder nach Deutschland zurück. Meine beruflichen Stationen waren ganz unterschiedlicher Natur. Ich begann als Assistent von Prof. Hans Günther Buchholz am Arch. Institut der Universität in Gießen. Eine erste, beamtete Stelle bot sich mir in Mannheim, am damaligen Reiss Museum (heute Reiss Engelhorn Museen). Von dort wurde ich vom Generaldirektor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz, Dr. Konrad Weidemann, abgeworben. Dies bot sich an, da hier meine italienischen Verbindungen erneut nutzbringend eingesetzt werden konnten, ich also oft in Italien zu tun hatte. 
Meinem LSH-Freund und archäologischen Kollegen Jürgen Borchardt und dem Kollegen Univ. Prof. Friedrich Krinzinger verdankte ich eine Vortragseinladung an die Universität Wien, woraus sich zu meiner großen Freude im Laufe der Jahre eine kontinuierliche Lehrtätigkeit mit langen Wienaufenthalten entwickelte. Den Höhepunkt bildete die Ernennung zum Honorar-Professor. Nach Erreichen des Pensionsalters am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz war und bin ich gleichwohl bis zum heutigen Tage archäologisch tätig und zwar als Mitarbeiter großer Ausstellungen, vor allem bei den Reiss-Engelhorn Museen in Mannheim, beim Landesmuseum in Halle, in München bei der Kunsthalle, sowie in Madrid und Neapel. Sehr interessant waren Ausgrabungen in Italien, Zypern und Israel. Auch eine ausgiebige Lecture-Tour zu verschiedenen bekannten amerikanischen Universitäten, die zur Gruppe der Ivy League zählen, ist mir unvergesslich. 
Ich darf mit Fug und Recht behaupten, dass es mir gelungen ist, ein interessantes und erfülltes Leben zu führen, zumindest im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ein Dasein als Beamter im stillen Kämmerlein hätte mir nicht behagt! Nach wie vor genieße ich die Internationalität meines Berufes, veröffentliche vor allem auf Deutsch und Italienisch. Ich wiederhole:  Für einen, dessen Abitursaufsatz gerade einmal mit einem „Ausreichend“ benotet wurde (wie ich dank unseres LSH-Archivs und dessen stets hilfsbereitem, ehemaligen Leiters Dr. Mitgau in Erfahrung bringen konnte) ist dies doch eigentlich ein gutes Ergebnis. Entwicklungsmöglichkeiten sind auch nach der Schulzeit noch möglich, wenn man nicht aufgibt! Eben dies soll die Botschaft meines Beitrags sein. 
Mein Leben und mein beruflicher Weg verliefen nicht geradlinig. Nach unvermeidbaren Rückschlägen erholte ich mich immer wieder und fand bis ins hohe Alter sogar noch neue interessante Aufgabenfelder, worüber ich froh und dankbar bin. Dass mein Lebensweg durch die Erziehung im LSH und den dort vermittelten Werten mitbestimmt wurde, möchte ich annehmen und bin dankbar dafür – trotz allem Erlebten: „Er aber zog seine Straße fröhlich“.
Erläuterung der Bilder:
1. Altschüler Friedrich-Wilhelm von Hase, genannt Friewi, im Jahre 2014. Autorenfoto zum von ihm herausgegebenen Buches „Hitlers Rache“. 
 
2. Friewi und Altschülelr Jürgen Borchardt, der später ein bekannter Archäologe wurde und große Entdeckungen in der Türkei machte, hier  am 1. Mai 1954, beim Zelten oberhalb der Rothen Steinhöhle am Ith, in der sie geforscht hatten. . 
 
3. Friewi  mit  Altschüler Peter Jordan, der später ein gefragter  Landschaftsarchitekt wurde, Hier 1954 bei der einige Meter steil nach unten führenden Eingangsspalte zur Bäremhöhle  am Ith.