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Das Internat hat für mich einen Befreiungsschlag dargestellt. Wir vier Kinder haben unsere Mutter nicht von ungefähr „Spieß“ (Kurzform von „Kompaniefeldwebel“ der Bundeswehr) genannt – sie war eine sehr dominante Persönlichkeit, die als jüngstes von 7 Kindern wohl zu kurz an liebevollen Zuwendungen kam und diese dadurch selber nicht recht weitergeben konnte. Uns Zwillinge bevormundete sie besonders, da wir mit einer zunächst unerkannten Hüftproblematik geboren wurden, was mit vielen Verboten und Einschränkungen verbunden war. Ich war ein halbes Jahr vor meiner Zwillingsschwester Karola, die in England ihr Englisch verbesserte, am LSH und habe mir einen eigenen Freundeskreis geschaffen. Wir waren von unserer Wesensart schon immer sehr unterschiedlich und konnten uns am Internat Solling endlich zu Individuen entwickeln.
Auch in anderer Hinsicht hat das Internat Solling mein Leben geprägt – ich habe hier Hans Wohlfarth, meinen späteren Ehemann, kennengelernt. Wie das Leben so spielt – zunächst lernte ich Birgit aus Chile kennen, mit der ich bis zu ihrer Rückkehr in ihr Heimatland sechs Monate das Zimmer teilte. Damals und auch 20 Jahre später hätte wohl niemand geahnt, dass sie mal seine 2. Ehefrau werden würde! Leider ist Hans letztes Jahr verstorben, seitdem stehen Birgit und ich wieder in gutem Kontakt.
Meine Liebe zu Hans hat mich damals dazu bewegt, dem Wunsch meines Vaters, zumindest eine seiner Töchter möge den krisenfesten Beruf der Sekretärin erlernen, nachzukommen – die Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin durfte ich nämlich in Zürich machen, wo Hans studierte.
Da wir es vorgezogen haben, nach bereits 12-jähriger Beziehung still und leise (ohne großes Fest) zu heiraten, hat mein Vater uns einen Scheck über die Summe ausgestellt, die ihn eine standesgemäße Hochzeitsfeier gekostet hätte. So kamen wir zu dem Vergnügen einer halbjährigen Hochzeitsreise! Da Hans später international tätig war und wir beide gerne reisten, führten wir eine bewegte Ehe, in vielen Jahren waren wir mindestens ein Drittel des Jahres außerhalb Deutschlands unterwegs.
Gegen Ende unserer Ehe hielten wir uns aus geschäftlichen Gründen häufig in Yuma/ Arizona auf. Dort habe ich, um mir zu beweisen, dass ich etwas schaffe, wenn ich es mir in den Kopf setze, den Flugschein gemacht. Ach, war das herrlich, über diese Weiten zu fliegen! Ich rechne es meinem Ex-Mann hoch an, dass er trotz seiner großen Flugangst mein erster Passagier war.
Ja, Ex-Mann. Wir haben uns 1994 derart friedlich und einvernehmlich getrennt, dass der gemeinsame Anwalt dachte, wir ließen uns lediglich aus geschäftlichen Gründen scheiden. Im Anschluss an den Scheidungstermin waren wir Zwei schön essen. Unser Kontakt brach nie ganz ab, dafür haben uns zu viele gemeinsame Erlebnisse, Jahre und auch Geschäftliches verbunden.
Unsere Trennung war für mich der nächste Befreiungsschlag, bzw. ein Schritt in die Richtung zu dem Gedanken „Was will ICH eigentlich?“. Ich fand in meine Kreativität zurück und habe einige Jahre viel im Bereich Imagefilme (u.a. für den Verein „Horizont International“, für den meine Schwester sich ehrenamtlich einsetzt) und Fotografie gewirkt.
Wir werden dieses Jahr 70. Ich stelle voller Freude fest, dass ich ein sehr glückliches und erfülltes Leben führe. Mein großes Haus und der lebendige Garten (die ich alle zwei Wochen einer Meditations-Gruppe zur Verfügung stelle) sind mit Leben und meinen Mitbewohnern gefüllt, neben Freunden kommen hin und wieder auch mein Neffe mit seiner Familie zu Besuch, um nach den Fröschen zu schauen. Sie leben ganz in meiner Nähe. Seit vier Jahren mache ich begeistert Bauchtanz und ich korrespondiere sehr gerne mit meinem weltweiten Freundeskreis. Damit nicht jeder mittags alleine vor seinem Teller sitzt, habe ich mit vier anderen, meist noch älteren, Personen eine Essensgruppe gegründet, die sich einmal die Woche reihum zum Mittagessen trifft. Ich selber esse sehr selten Fleisch und kaufe Lebensmittel aus biologischem Anbau, um meinen ökologischen Fußabdruck so klein wie nur irgend möglich zu halten. Die meisten Tage beginne ich in meinem Schwimmbad, wo ich mich fit halte. Da mein Lesehunger zu groß ist, um allein durch das Lesen gestillt zu werden, laufen beim Kochen und im Auto häufig Hörbücher. Nach wie vor genieße ich spontane Begegnungen mit Menschen, denen ja gelegentlich etwas Magisches innewohnt, und bin neugierig auf das, was mich noch erwartet.