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Hans-Henning Ginzel

Mein Leben hat eine ganze Weile auf der Überholspur stattgefunden. Getrieben von dem Wunsch nichts zu verpassen und möglichst viel zu erreichen, habe ich kaum nach links und rechts geschaut, sondern immer nur auf das jeweils aktuelle Ziel. Auch künstlerisch geriet ich in einen Sog, der davon verstärkt wurde, dass sowohl meine Kompositionen wie auch mein Wirken als Cellist und Dirigent gut ankamen – wodurch ich mich an einem Kreativ-Fließband wiederfand. Mein musikalisches Schaffen stieß auf gute Resonanz, resultierte aber in einer Tretmühle, in der ich mich innerlich von meiner eigenen musikalischen Stimme entfernte. Es war kein leichter aber ein sehr guter und heilsamer Schritt aus diesem erfolgreichen Hamsterrad auszusteigen. Ein Schritt in Richtung Internat Solling.

Die Leidenschaft für die Musik habe ich durch meine Eltern in die Wiege gelegt bekommen, die beide Musik unterrichtet haben. Mein Vater, emeritierter Professor der Hochschule für Musik und Theater München, nimmt derzeit mit fast 71 Jahren mit seinem Streich-Trio eine CD auf. Mein Solo-Debüt fand im Alter von 16 Jahren statt. So kam es schlussendlich auch, dass ich mich nach dem Abitur an derselben Wirkstätte wie mein Vater wiederfand – er als Professor, ich als Student. Definitiv eine Charakter- und Persönlichkeit festigende Zeit, in der ich gegen Vorurteile der Günstlingswirtschaft anspielen und durchsetzen musste, individuell wahrgenommen zu werden. Da ich in meiner Schulzeit nie die Gelegenheit für einen Auslandsaufenthalt hatte, habe ich die Chance ergriffen, in Madrid zu studieren. Dort habe ich 2012 neun intensive Monate am Real Conservatorio Superior de Música de Madrid verbracht. Übrigens als „Au Pair Mädchen“ – es war schlichtweg unmöglich, eine Unterkunft aufzutun, bis ich auf die Möglichkeit stieß, bei einer wunderbaren Familie gegen Hilfe bei der Betreuung des damals 5jährigen Sohnes unterzukommen. Ehrlich geschrieben hat der kleine Kerl mir mehr Spanisch beigebracht als ich ihm Deutsch! Madrid ist für mich zu einem Herzensort geworden, an dem ich mich noch heute ein Stück weit zu Hause fühle. Zum Glück liebt auch meine Frau diese Stadt, sodass wir gerne dorthin reisen, wann immer sich die Gelegenheit bietet.

Nach einer sehr arbeitsintensiven Zeit in München hat mir der Freistaat Bayern 2018 ein Residenzstudium an der Cité Internationale des Arts Paris angeboten. Nach Überlegungen mit meiner Frau, ob wir eine Fernbeziehung wagen wollten, packte ich erneut meine Koffer in einen mir völlig neuen Freiraum. Das Stipendium war losgelöst von sämtlichen Auflagen, sodass ich wirken konnte, wie ich wollte. Dies stellte nach einer höchst produktiven Zeit eine hervorragende Entschleunigung dar.

So habe ich in Paris an dem bisherigen Höhepunkt meiner Karriere als Komponist gefeilt und meine Komposition „Ich wandle wie…“ für die Münchner Philharmoniker fertiggestellt. In Paris habe ich aber vor allem eines: zu mir gefunden. Mein mich stets antreibender, intrinsischer Perfektionist hat gelernt, produktiven Leerlauf zu genießen. Ich habe mich vollgesogen mit Paris, mir die Stadt stundenlang erlaufen, das französische Art Cinema kennen und schätzen gelernt, Ausstellungen besucht, mich mit Leuten getroffen, einsame Stunden auf den malerischen Friedhöfen und in den schönen Parks genossen. Mit Abstand betrachtet war es mir möglich, den permanenten Kraftaufwand des Rührens der Werbetrommel auf den diversen sozialen Plattformen überhaupt erst zu spüren. Dieses hohe Konstrukt des eigenen Narzissmus fordert seinen Preis – den zu zahlen ich nunmehr nur bedingt bereit bin. So war die Zusammenarbeit mit den Münchner Philharmonikern nach meiner Rückkehr eine intensive, wichtige Erfahrung und zugleich ein guter Schlusspunkt dafür, mich beruflich ausschließlich auf die Bühne zu konzentrieren.

Ich begann, mich mit neuen Zukunftsplänen auseinanderzusetzen und besann mich auf den Pädagogen in mir, der dafür brennt, die Liebe für die Musik und ihre vielen Wirksamkeiten weiterzugeben. So kam das Internat Solling in mein Leben. Ein kompletter Neustart! Ein neues Umfeld und eine spannende neue Tätigkeit. Als Musiker liebe ich Interkommunikation, und so empfinde ich das Zusammenwirken mit den Schüler:innen und Kolleg: innen als befruchtend und förderlich! Das i-Tüpfelchen auf all die neuen Herausforderungen in unserem Leben stellt unser Sohn Aeneas dar (der noch in dem Alter ist, das man in Monaten angibt). Mittlerweile bestellen wir beim Bäcker nicht mehr „Semmeln“, haben gelernt, nördlich von München Laugengebäck zu meiden, genießen die hiesige Landschaft (die erfreulich hügelig ist, so ganz plattes Land wäre eventuell doch schwierig für uns gewesen) und finden unseren gemeinsamen Lebensrhythmus als kleine Familie in Solling.

In München habe ich sämtliche Wege auf dem Rad zurückgelegt, nutze nun aber die rund 45 Minuten Arbeitsweg im Auto gerne zum Trennen von meiner Privatperson und dem Pädagogen. Natürlich gelingt mir dies nicht völlig, und das soll es ja auch gar nicht. Was mir wirklich überhaupt gar nicht gelingt, ist, mich nicht in Windeseile sprachlich Dialekten anzupassen – da ist mein musikalisches Gehör immer schneller als ich. Fühlen Sie sich also bitte nicht veräppelt, wenn ich mich sprachlich an ihre eigene Wortmelodie anpasse. Auch die ist Musik und diese liebe ich einfach über alles.