50-prozent
Skip to content

Manfred Gross

Strom ist mein bester Freund – er hat mir noch nie was getan.

Völlig entgegen den Empfehlungen einer Berufsberatung („Werden Sie Frisör oder Bäcker; Sie sind technisch unbegabt“) habe ich mit großer Freude eine Lehre als Starkstromelektriker absolviert und 1973 meinen Meister im Elektrohandwerk gemacht. Meine Faszination für diesen Bereich, in dem sich Mechanik, Elektronik, Chemie und Physik verbinden, hat sich nie abgenutzt. Nach wie vor lese ich mit Begeisterung über Neuerungen und meine Werkbank setzt nie Staub an! In meiner Werkstatt vergesse ich Zeit und Raum, es ficht mich nicht an, etwas zum zwanzigsten Male auseinanderzunehmen und wieder zusammenzubauen. Alles, was sich dreht und bewegt, ist dort gut aufgehoben und so hat sich im Laufe meiner Berufsjahre aus meinem ursprünglichen Hobby „Elektro und Werkzeuge“ ein lukrativer Geschäftszweig entwickelt, dank dessen ich zwischenzeitlich acht Mitarbeiter hatte. Meiner Ansicht nach ist es wichtig, anderen so zu begegnen, wie man selber auch behandelt werden möchte. So wird zum Beispiel Kritik immer sachlich und gerne humorvoll von mir serviert und ich würde nie von jemandem etwas erwarten, was ich selber nicht leisten möchte oder kann. Wahrscheinlich war deswegen auch das Verhältnis zu meinen Mitarbeitern so gut. Ich kann voller Stolz sagen, dass aus all meinen Lehrlingen etwas geworden ist ¬– zu vielen von ihnen pflege ich nach wie vor guten Kontakt.

Nachdem ich das Unternehmen 1992 aus gesundheitlichen Gründen schließen musste, habe ich zunächst als Einzelkämpfer, dann als technischer Leiter der Haustechnik am Albert- Schweitzer-Therapeutikum gearbeitet. Dort kam fast täglich ein Menschlein in die Werkstatt – nicht allein zum Betrachten der Gerätschaften, sondern vielmehr oft, um sich etwas von der Seele zu reden. Alle im Team waren Väter und gerne für die kleinen Patienten da – selbstverständlich unter Verschwiegenheit, es hat nie ein Betreuer, Psychologe oder Verwandter Kenntnis von dem erhalten, was uns erzählt wurde. Das hätte sich nicht gehört.

So manch eine der Erzählungen von desaströsen Familienumständen hat mich umso dankbarer für das harmonische und liebevolle Miteinander bei uns zu Hause werden lassen. Nach einem sehr holprigen Kennenlernen – meine Frau hat die erste Zeit unserer Bekanntschaft sehr weit unten auf meiner Sympathieliste gestanden; begann doch unsere Begegnung damit, dass sie statt eines Willkommensgrußes eine frisch von mir mittels Wasserwaage tapezierte Wand bemängelt hat! – führen wir seit Juni 1966 eine Ehe, in der es noch nie Streit gegeben hat. Mittlerweile ist unser Zuhause ein Dreigenerationenhaushalt, beide unsere Kinder leben mit ihren Familien bei uns und so dürfen wir mit großer Freude die Entwicklung unserer Enkelkinder beobachten und mitgestalten. Erst als Großeltern wurde uns bewusst, was zum Teil an uns als jungen Eltern vorbeigegangen ist – habe ich doch als frisch Selbstständiger meine Kinder oftmals erst am Samstagabend oder gar am Sonntag gesehen. Umso kostbarer ist es nun für uns, dass wir zurückgeben können, was meine Schwiegereltern (die unsere Kinder mit großgezogen haben) uns als Familie geschenkt haben: Zeit.

Zeit nie ungenutzt zu lassen, wurde mir in meinem Elternhaus beigebracht und vorgelebt und so sind auch meine Arbeitsstunden am LSH seit 2012 immer gut gefüllt – von Fahrten für die Wäscherei, Besorgungen für das LSH über Schülerfahrten wird jede Sekunde genutzt!

Mittlerweile ist das Internat Solling zu meinem zweiten Zuhause geworden und ich fühle mich hier pudelwohl. Die Rolle als „Herr Gross für alles“ kommt mir sehr entgegen, da ich selber auch immer ein wenig unter Strom stehe!

In all meinem Handeln richte ich mich innerlich nach einem Spruch, der in der Volksschule über der Tafel hing: „ICH WILL“, dieses Wort ist mächtig, spricht`s einer ernst und still. Und Sterne reißt`s vom Himmel, dies eine Wort „ICH WILL“. Dementsprechend enden meine Gebete, in denen ich mich als aktives Mitglied der Neuapostolischen Kirche morgens und abends im Zwiegespräch mit Gott und dem, was mich gerade bewegt, auseinandersetze, häufig mit einem dankbaren: „Ich möchte, dass es so gut bleibt, wie es ist“.