50-prozent
Skip to content

Michael H. (LSH 1969 - 1975)

Mein gesamtes zwischenmenschliches Wertesystem, mein Sinn für Gerechtigkeit und meine Toleranz – all dies ist von und in meiner Zeit am Internat Solling geprägt worden. Ich habe das Landschulheim (wie es früher hieß und es in meinem Herzen auch stets heißen wird) immer als „Mikrokosmos“ empfunden – eine kleine Welt für sich, die all die üblichen Strukturen hat, aber in sich geschlossen ist und Sinn ergibt, sobald Mensch sich darin eingelebt hat. Um den Pädagogen Hans-Windekilde Jannasch (der in den 30iger Jahren am LSH tätig war und seine Ruhestätte auf unserem Friedhof hat) zu zitieren: „Das LSH ist eine Individualität höherer Ordnung mit all seinen Entwicklungen, Krisen und Krankheiten“. 
 
Es hat eine kleine Weile gedauert, bis es mir als gelungen ist, mich mit 13 Jahren in den Internatsalltag einzufinden – doch dann waren die Ferien immer zu lang und ich froh, nach Holzminden zurückzukehren! In meinen ersten, von Heimweh geprägten Monaten hatte ich immer den „goldenen Schutzanker“ durch meine Eltern, die mir versicherten: „Ein Anruf und Du bist vier Stunden später wieder zuhause“. Auch wenn ich ein oder zwei Mal ernsthaft darüber nachgedacht habe, den entscheidenden Anruf vom öffentlichen Fernsprecher im Unterhausflur nach Hause zu tätigen, so habe ich dieses Telefonat mit einem „Nein, Du schaffst das!“ nie genutzt. Diese Erfahrung hat mich gestärkt und noch heute bin ich davon überzeugt, dass man jederzeit neue Wege beschreiten kann – es gibt immer die Möglichkeit der Umkehr. Lieber ein kleiner Umweg als denn ein nicht ausprobierter Traum!
 
Ein großer Teil meines engsten Freundeskreises besteht aus Menschen des LSH-Umfeldes. Diese Verbundenheit untereinander ist unbestritten eine ganz besondere. Es muss wirklich mit dem Teufel zugehen, so es nicht funktioniert, wenn zwei LSHler aufeinandertreffen!
 
So hat mich zum Beispiel vor drei Jahren mein enger Freund Carlos aus Guatemala (mit dem ich fast vier Jahre auf dem Zimmer war und den ich seit 30 Jahren nicht mehr gesehen hatte) besucht und es war so, als wären wir erst gestern auseinandergegangen. Das macht diese Freundschaften so wertvoll und ich weiß, sie halten lebenslang.
 
Auch meine zwei zentralen Leidenschaften, die Fotografie und die Musik, wurzeln in Holzminden. Damals haben wir noch in der Dunkelkammer des Instituts gelernt, Fotos selber zu entwickeln. Dies tue ich natürlich nicht mehr, liebe es aber nach wie vor, mein Objektiv auf Menschen und Situationen zu richten. Der dokumentarische Charakter ist mir dabei sehr wichtig. Er ist ein Stück „eingefrorener Zeit“ mit einer geistigen Verbindung zum Motiv, nur dann lebt meines Erachtens das Bild von innen heraus. Um es mit den Worten des von mir sehr bewunderten Fotografen Robert Capa zusagen: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann warst du nicht nah genug dran“ – wobei „nah“ nicht unbedingt für die Entfernung steht, sondern vielmehr das Erlangen dieser geistigen Verbindung bedeutet. Fotografieren ist so sehr viel mehr als ein bloßes „draufhalten“! Es bereitet mir auch seit langer Zeit Freude, die Giftschonung und Sandra Knecht im Marketing mit Fotos von den Altschülertreffen und aus der damaligen Zeit zu unterstützen. Zu meinem Glück habe ich im wahrsten Sinne der Worte ein fotografisches Gedächtnis, das es mir ermöglicht, Fotos sehr schnell zuzuordnen, selbst wenn ich sie 20 Jahre nicht zu Gesicht bekommen haben sollte. 
 
In Punkto Musik sind natürlich die Bandproben im Schweinestall mit der Schulband „The Oskars“ rund um den Musiklehrer Hlynur Oskarsson, unsere Schülerband, die nächtlichen Musiksessions und die Nächte in der Disko, besonders als DJ der Disco-Mannschaft (die übrigens am 20. März 2021 ihr 50jähriges Jubiläum hatte) unvergessen! Doch auch die Abendsprachen donnerstags und sonntags haben ihre positiven Spuren hinterlassen – selbst wenn ich sie zunächst als fürchterlich empfunden habe. Insbesondere, da wir noch die „Heimtracht“ aus dunkelgrauer Flanellhose, weißem Hemd und Pullover (farblich nach Schützen, Scholaren und Magister sortiert) für diese Veranstaltungen tragen mussten. Doch nahm ja Anfang der 70iger der Umbruch am Internat seinen Anfang und so wurde dann die „Uniformierung“ abgeschafft. Bei mir zu Hause läuft eher selten klassische Musik, doch habe ich sie im Laufe meiner Schuljahre dank Prof. Reinhold wirklich schätzen gelernt. Im Rückblick spüre ich auch, wie wertvoll insbesondere die Morgensprachen waren, diese 10 Minuten Pflichtpause zwischen Frühstück und Schulbeginn waren kostbarer, als ich es als Schüler wertschätzen konnte.
 
Das ist etwas, dass ich unseren derzeitigen und zukünftigen Schüler:innen mitgeben möchte: Genießt! Ihr erlebt gerade eine der besten Zeiten Eures Leben.