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Peter Jordan

 
 
Die im LSH gelebte Selbstverständlichkeit, anderen zur Seite zu stehen und sich sowohl für das Gemeinwohl, als auch für eigene Werte einzusetzen, ist mir wirklich ins Blut übergegangen! So sehr, dass ich aus dem Staatsdienst (ich war in der Funktion des Amtsleiters Aschaffenburg für die Schlösserverwaltung Bayern tätig) ausgetreten bin. Es sollte eine autobahnähnliche Straße durch den in meinem Zuständigkeitsbereich liegenden Park Schönbusch gezogen werden. Diese hätte ein Gartendenkmal mit dem Alleinstellungsmerkmalen eines Parkteiles „Tal der Spiele“, der ausschließlich mit heiteren, bunten Pflanzen gestaltet ist und eines Parkteiles „Tempel der Freundschaft und Dichter“, der von dunklen und geheimnisvollen Pflanzen umgeben wird, zerstört. Als leidenschaftlicher Gartendenkmal-Liebhaber konnte ich dies nicht dulden und habe mich einer Bürgerinitiative angeschlossen. Die Weisung „Als Mitarbeiter der Schlösserverwaltung hätte ich mich von der Bürgerinitiative fernzuhalten“ war der Beginn meiner Selbstständigkeit als Landschaftsarchitekt und Sachverständiger für Gartenarchitektur, Garten-und Landschaftsbau mit Sondertenor Gartendenkmalpflege – ich habe lieber gekündigt, als widerstandslos mitanzusehen, dass dieses in sich intakte Denkmal vernichtet wird. Auch heute, mit 85 Jahren, bin ich noch international als Sachverständiger tätig, werde aber wahrscheinlich mit Ende dieses Jahres keine neuen Aufträge mehr annehmen. Privat fördere ich nach wie vor Bestrebungen, es öffentlich zu machen, wenn ein Gartendenkmal gefährdet ist und beteilige mich am Kampf, es zu erhalten. Derzeitiges Projekt ist, die Verbreiterung der Straße zu Lasten des Parkrandes zu verhindern.
 
Die vergangenen zwei Jahre waren heftig. Meine Frau hat nach einer Herz-OP, die eigentlich gut verlaufen war, binnen eines Tages drei Hirnschläge erlitten. So sehr viel mehr als ein willenloser Fleischklumpen war zunächst nicht übrig von der Mutter unserer beiden Kinder. Umso dankbarer bin ich, dass sie sich wieder in das Leben zurückgekämpft hat! Es erfüllt mich mit großem Stolz und einer tiefen Freude, wenn sie zu mir sagt: „Ich bin doch erst 82, ich habe ja noch Zeit“. An dem Tag, an dem sie mich damals im Krankenhaus erkannt und angelächelt hat, kam ich zurück ins Hotel (in dem ich schlussendlich ein Jahr gelebt habe um ihr nahe sein zu können) und erblickte an der Rezeption eine Uhr mit einem „Smile“ darauf. Nachdem ich mich erkundigt hatte, wo diese erhältlich sei da ich sie aufgrund des erkennenden Lächelns meiner Frau haben wolle, lag sie am nächsten Tag als Geschenk auf meinem Hotelbett. Sie hat einen Ehrenplatz in unserem Wohnzimmer.
 
Nach wie vor leiste ich den größten Teil der Hausarbeit, da meine Frau dies nicht mehr vermag. Zu unserem großen Glück unterstützen uns mein Ex-Schwiegersohn und seine zweite Frau liebevoll. Sie haben unseren Hund in Pflege genommen und verwöhnen uns täglich mit warmen Essen. Ich vermag nicht, mir vorzustellen, wie wir ohne diese Zwei zurechtkommen sollten und fühle mich beschenkt. Auch zu unserem Enkel stehen wir in engem Kontakt. Seine Pläne, für bessere Ver- und Entsorgung von Abfall, Strom und Wasser in Entwicklungsändern sorgen und arbeiten zu wollen, erfreuen mich sehr. Ein weiterer Mensch unserer Familie, der für seine Ideale einsteht!
 
Rückblickend kann ich sagen, dass ich in einer sehr lethargischen Phase, bzw. durch sie, zum Landschulheimer wurde. Mir fehlte jeglicher Antrieb, ich fuhr zwar mit meinen Mitschülern in der Straßenbahn zur Schule, schlug mich dann aber durch Hannovers Trümmer und überbrückte die Schulzeit im Bahnhofskino. Da ich pünktlich zurück war, hat zu Hause niemand etwas bemerkt. Bis dann die Noten anstanden… Da mein sehr fürsorglicher Großonkel, der für mich Vaterersatz war, mit der Familie von Fritz Schneider (Lehrer am LSH), befreundet war, schien es naheliegend, mich in das Landschulheim zu schicken. Leider war mein Einstieg nicht gerade leicht – zunächst gab es keinen Platz für mich, so, dass ich bei Forstmeister Maske untergebracht wurde. Bis auf die Mahlzeiten war ich außerhalb des Unterrichtes völlig mir selber überlassen und erkundete mit meinem geländegängigen Fahrrad das Umland von Holzminden. Dies sollte sich später bei der Wanderprüfung als Vorteil herausstellen, diese wurde mir erlassen – ich kannte mich besser aus als manch ein Lehrer! Das war aber auch mein einziger Vorteil. Da ich nie zuvor Unterricht in den Altsprachen hatte, ist es mir nicht gelungen, in Griechisch und Latein aufzuholen und so musste ich das Internat mit der Mittleren Reife verlassen. Übrigens weiß ich noch heute, welches Verb ich nicht richtig konjungieren/deklarieren konnte: „sie würden entvölkert worden sein“ – Konjunktiv Plural, Futur2 passiv.
 
Im Anschluss habe ich eine Lehre zum Gärtnergehilfen gemacht und dann das Studium der Landschaftsarchitektur aufgenommen. In meiner gesamten Laufbahn hat es mir genützt, dass ich im Landschulheim gelernt hatte, Obrigkeiten zwar mit dem gebotenen Respekt, immer aber auch auf Augenhöhe zu begegnen. Oder ihnen auch mal auf intelligente Weise die Stirne zu bieten: Aus welchen Gründen auch immer, der damalige Dorfpolizist von Holzminden hatte uns LSHler auf dem Kieker. So hat er zum Beispiel mal mir, der lediglich kurz sein Fahrrad vor den Schaukästen den Kinos abgestellt hatte, um zu schauen, welche Filme laufen, einen Strafzettel wegen „Parken des Fahrzeuges gegen die Fahrtrichtung“ verpasst! Wir beschlossen, dem Herren einen Denkzettel zu verpassen und wählten Mitschüler mit ganz besonders wohlklingenden, Ehrfurcht erweckenden Nachnamen (und derer gab es viele!) aus. Diese bestiegen Fahrräder in Doppelbesetzung und fuhren zur Milchbar, wo der Herr im Wissen, das dies ein Treffplatz für LSHler war, häufig lauerte. Prompt war dem so und er schoss auf meine Kameraden zu, die zu sechst mit drei Rädern ankamen. Auf seine Aufforderung, ihm die Namen mitzuteilen, sagte eine glutäugige Mitschülerin den ihren und tönte mit zauberhaften Akzent: „und ich möchte sofort meinen Botschafter sprechen“. Selbiges ließ ein schneidiger junger Mann den Polizisten wissen. Als dann noch die blondbezopfte Prinzessin von und zu… voller Selbstbewusstsein ein “ Guter Mann, ich sage ihnen jetzt meinen Namen – passen sie genau auf“ verlauten ließ, gab der völlig überforderte Mann auf. Fortan hatten wir unsere Ruhe!
 
„Ruhe“ ist ansonsten ein Wort, das ich so gar nicht mit meiner Schulzeit verbinde! Ich hatte das Glück, zwei Scholaren- und Magisterkriege, während denen immer Ausnahmezustand herrschte, mitzuerleben. Da wurde schon mal ein Schulleiter entführt und an einen Baum gefesselt, die Verlierer mussten durch eine Gasse schreiten, in der die Gewinner berechtigt waren, jedem eine Ohrpfeife zu verpassen – was diese natürlich weidlich nutzen. Vielleicht hat sogar mal der gesamte Inhalt eines sehr großen Aquariums den Weg aus einem Fenster auf Kämpfende herab genommen… aber das ist eine Geschichte, über die ein Restschleier der Verschwiegenheit gehört.
Auf keinen Fall gehört verschwiegen, dass auch die Aufgabe, in der Versammlung (damals „Ständerling“ genannt) vor der gesamten Schulgemeinschaft, Ansagen zu machen (ich war für den Telefondienst zuständig und dazu gehörte auch die Verteilung der Schichten) mir später dienlich war. Es hat für mich nie ein Problem dargestellt, vor Menschengruppen zu sprechen und mich zu behaupten. 
 
So behaupte ich mit Fug und Recht, dass meine Zeit am Landschulheim mein Leben sehr positiv beeinflusst hat. Ein Leben, in dem ich mit Freude beobachte, wenn die Natur noch Winkel findet, in der sie in sich ruhen und funktionieren kann – was heißt, dass sie ausreichend Feuchtigkeit hat, so dass Pflanzen und Tiere dort gut leben können. Selbiges gilt für menschliche Gemeinschaften, wir genießen unsere gute Nachbarschaft, in und mit der wir gemeinsam unsere Kinder erzogen haben und nun gemeinsam alt werden. Dass ich all das gemeinsam mit meiner Frau erleben darf, macht mich glücklich.