50-prozent
Skip to content

Prof. Dr. Raban-Josef Graf von Westphalen (LSH 1962 - 1966)

Die Frage nach dem Gemeinwohl ist das Thema, das mich am stärksten beschäftigt. Wie kann das gemeinschaftlich-öffentliche Leben unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit zu einem Höchstmaß an Gemeinwohl organisiert werden?

Insbesondere diese Fragestellung stimmt mich manches Mal besorgt, blicke ich auf junge Generationen, deren größtenteils – die Klimaaktivisten zum Teil ausgenommen – infantiles und desinteressiertes Verhalten so manch einen meiner lehrenden Kollegen dazu bewegt, von „Kindern“, nicht aber von „Studierenden“ zu sprechen. Meines Erachtens tragen die neuen Medien durchaus Mitschuld an dem unpolitischen Handeln und Denken dieser jungen Leute – viele fürchten (leider zu Recht), von außen massiver, womöglich gar anonymer, Kritik ausgesetzt zu werden, sollten sie sich öffentlich engagieren. Mein persönlicher Anspruch an meine Lehrtätigkeit (ich hielt bis jetzt Lehraufträge für politische Wissenschaften und öffentliches Recht in Berlin und Erfurt inne) ist, meine Studenten möglichst lebenslang für diese oder jene Fragestellung zu interessieren.

Meine eigenen Interessengebiete sind sehr breit gefächert – was sich zum Schrecken meiner Eltern schon zu Studienzeiten an der Wahl meiner zunächst nicht unbedingt ein klares Bild schaffenden Studienfächer zeigte: Ich habe Geschichte, Geographie, Rechts- und Politikwissenschaften studiert und in diesen Fächern auch Magisterprüfungen absolviert. Promoviert habe ich in Geschichte, Geografie und „Politischer Wissenschaft“. Noch heute versuche ich, mich weiterhin in mir neue Wissensbereiche vorzutasten und neugierig zu bleiben. So fühle ich mich auch furchtbar unglücklich, wenn ich irgendwo bin und mich nicht mit möglichst tagesaktueller Presse versorgen kann – Zeitungslektüre, gerne auch die der internationalen Presse, ist ein essentieller Bestandteil meines Tages. Als politischer denkender und wirkender Mensch sehe ich es als Verpflichtung an, mich auf dem Laufenden zu halten.

Dies kann durchaus mal eine Herausforderung darstellen, wenn ich meiner Passion für das Reisen nachgehe. Zumal die Länder, denen ich mich stark verbunden fühle, nicht unbedingt leicht zu bereisen sind. Mein Herz schlägt sehr für Guatemala, auch Myanmar und Laos sind Orte, an die es mich immer wieder zieht. Tatsächlich stellte das Corona-bedingte Reiseverbot für mich persönlich die größte und einschneidenste aller Beschränkungen dar. Weihnachten 2020 war das erste Weihnachten seit zwanzig Jahren, das ich in Deutschland verbracht habe – ich wusste kaum mehr, was sich da so abspielt!

Über die Beschränkung des Reisens hinaus fehlt es mir derzeit sehr, mit anderen Menschen in gedankenaustauschende Auseinandersetzung zu gehen. Insbesondere jetzt, wo so viel in der Politik im Argen liegt und es zu erstreiten gilt, welcher der richtige Weg ist, vermisse ich die persönliche Diskussion sehr. Nicht nur in der Politik – meine Frau und ich wollen gerne einen Gesprächskreis initiieren, der sich mit Kunst und Literatur beschäftigt. Ich hoffe sehr, dass diese Idee noch 2021 aus den Kinderschuhe herauswachsen kann.

Auch wenn die Liste meiner eigenen Publikationen nicht kurz ist und es sich zu meiner Freude bei meiner Promotion um ein Werk handelt, aus dem noch heute zitiert wird, so tue ich mich mit Literatur eher schwer. Wahrscheinlich ist dies das Erbe davon, dass ich mich mein Leben lang eher mit Fachliteratur und Fakten beschäftigt habe. Umso mehr genieße ich es, durch meine Frau (die Literaturwissenschaftlerin ist) Zugang zur literarischen Welt zu erhalten. Es erfüllt mich mit großem Glück, wenn sie, die über eine kolossale Formulierungskraft und ein enormes Sprachgefühl verfügt, mir aus ihrer Feder Stammendes vorliest.

Meine Liebe zu den schönen Künsten verdanke ich meiner Mutter Wisa von Westphalen, die Kunstmalerin war und auch eine Reihe von LSHlern gemalt hat, und ein großes Stück weit dem LSH. Nachdem ich im Alter von 17 Jahren von einer Klosterschule an das Landschulheim wechselte und den damit verbundenen „Kulturschock“ verkraftet habe – als Klosterschüler hatte ich zuvor kaum wahrgenommen, dass es noch ein anderes Geschlecht gibt. Auch war der Tagesablauf dort ungleich strikter organisiert -, habe ich es genossen, mich in den mir bis dahin weitgehend fremden Gestaltungsbereichen Musik, Theater, Sport und Feuerwehr ausprobieren zu können. Die hohe ökonomische Disziplin, mit der ich an der Klosterschule ausgestattet worden bin, hat mir das Leben am LSH arbeitsmäßig sehr leicht gemacht, da ich den Schulstoff binnen kurzer Zeit bewältigt konnte und dementsprechend mehr Freizeit zur Verfügung hatte. Noch heute bezeichne ich das LSH als „einen Teil von mir“, mit dem ich eng verbunden geblieben bin. Als Ausdruck meiner Verbundenheit habe ich dem Internat Solling einen Teil meiner Bibliothek geschenkt. Beiden Institutionen, sowohl der Klosterschule, als auch dem Internat Solling, verdanke ich lebenslange, lebendige Freundschaften.

Auch die hohe Arbeitsdisziplin steckt mir bis heute in den Knochen – Langeweile ist mir fremd. Womit ich vermutlich dem Stereotyp eines Adligen widerspreche. Leider begegne ich Zeit meines Lebens als Träger eines historischen Namens mit Titel häufig Vorurteilen und gerate in Situationen, in denen gewisse Verhaltensformen von mir erwartet werden. Viele Menschen übersehen dabei, dass ein Name keine persönliche Leistung darstellt. Meine Lebensleistung besteht aus dem, was ich mir selbst erarbeitet habe. Das war und ist so viel mehr, als mein Geburtsname (den ich durchaus gerne und mit Stolz trage) darstellt. Es fängt bei dem „Facharbeiter für PVC-Verarbeitung“ an, womit ich mir mein Studium finanziert habe und schon früh die Möglichkeiten hatte, arbeitend die Welt zu bereisen; geht über das Restaurieren einer Burg im Eichsfeld und dem gemeinsamen Einrichten und Führen einer Galerie mit meiner Frau; Lehraufträge und Professuren; bis hin zu politischem Engagement und dem nie nachlassenden Anspruch an mich selbst, nicht nur auf dem Laufenden zu bleiben, sondern auch selber dazu beizutragen, dass es gut läuft – für und in unserer Gesellschaft.

Fotos: Kam Zuckschwerdt (Foto oben) und Graf von Westphalen mit Wolfgang Mitgau