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Ästhetik ist mir sehr wichtig. Schöne Materialien, Farben, Texturen, Linien…es kann mir durchaus passieren, dass ich mich zum Beispiel auf „Pinterest“ bei dem Eintauchen in die Vielfalt der dort präsentierten Inspirationen verliere und darüber die Zeit vergesse. Da auch meine Eltern sich dafür interessieren, bin ich umgeben von schönen, mit Sorgfalt und Liebe ausgewählten Dingen, Interieur – Design-Büchern und bewusst zusammengestellten Farbwelten groß geworden – das hat mich geprägt. Insbesondere „Mode“ macht mir Spaß – ich liebe es, mich anzuziehen, auszuprobieren und neue Stile zu kreieren. Als Tochter einer Modedesignerin und dem Inhaber einer Strickfabrik liegt mir dies wohl im Blut und so werde ich auch diesen Sommer das Internat Solling verlassen, um in Istanbul ein einjähriges Praktikum in der Textilbranche zu absolvieren. Im Anschluss daran möchte ich Textildesign studieren.

Als sehr freiheitsliebender Mensch sehe ich meine Zukunft in der Selbstständigkeit, um weder mir noch meiner Kreativität Grenzen setzen zu lassen. Die durchgeplanten Tagesabläufe und festgelegten Uhrzeiten waren das Einzige, mit dem ich hier am Internat Solling nicht so gut klargekommen bin. So bin ich zum Beispiel eine „Lern-Nachteule“, da ich nicht eine Sekunde meines Tages für so etwas wie das Lernen aufwenden möchte – da ist es schwierig, wenn um 24 Uhr das WLAN ausgestellt wird! Zudem funktioniert Druck bei mir nicht besonders gut – ich muss den für mich richtigen Zeitpunkt für zu Erledigendes finden, dann geht es mir gut von der Hand. Betrachte ich diese Eigenschaften, so scheint mir eine Selbstständigkeit schon fast die logische Konsequenz daraus zu sein.

Als Tochter einer Deutschen und eines Türken fühle ich mich als Europäerin und vereine Eigenschaften beider Länder in mir, ohne den Stereotypen des einen oder des anderen Landes zu entsprechen. Was ich mir allerdings sowohl aus feministischen als auch aus politischen Gründen nicht vorstellen kann, ist, für immer in der Türkei zu leben. Mich zieht es in europäische Modestädte. Da wir dreisprachig leben (wobei Englisch den gemeinsamen Sprach-Nenner darstellt), sehe ich diesbezüglich keinerlei Probleme auf mich zukommen.

Nun, da der Abschied vom LSH nahe rückt und greifbar wird, hadere ich durchaus mit meiner Entscheidung und bin sehr traurig. Die drei Jahre hier haben mich offener und selbstbewusster werden lassen. Im vergangenen Jahr war ich Vertrauensschülerin. Ich habe mich aufstellen lassen, um Mitschüler*innen das zu ersparen, was ich jahrelang gelebt habe – Dinge mit sich selber auszumachen. Da ich die gesamten drei Jahre lang den Kontakt zu meinen verbliebenen Freunden in Istanbul aufrechterhalten habe, fürchte ich nicht, die hier in Holzminden gewachsenen Freundschaften zu verlieren, da sind die neuen Medien eine gute Hilfe. Die müssen in Zukunft dann einfach nur „umgekehrt“ meine Nabelschnur zu Freunden sein. Eine sehr schöne, versteht sich. Die nun länger sein muss, hat doch durch meine Zeit hier am Internat Solling mein Freundeskreis gewaltig an Internationalität gewonnen. Das ist ein tolles Gefühl, überall auf der Welt den Anknüpfungspunkt „LSH“ zu haben und auf diese Weise nirgendwo auf mich gestellt zu sein!

Um es mit der Autorin Dolly Alderton aus ihrem Buch „Everything I know about love“ (ich versuche, Bücher immer im Original zu lesen und so ist ein Großteil meiner Literatur englischsprachig) zu sagen: „You know when you were a teenager and you`d see your mum with her best friends and they`d seem close, but they weren`t like you were with your friends? There`d be a strange formality between them – a slight awkwardness when the first met. Your mum would clean the house before they came and they would talk about their childrens coughs and plans for their hair…I don`t want to become women who meet up once every couple of months for a craft fair at the NEC“.

Ich mag es bunt, ich mag es lebendig und ich möchte das Maximale aus jeder Lebenssekunde rausholen. Dann werde ich mir mit meinen Freunden immer lebendige, interessante Themen haben.