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Verena Dillmann

Ich mag es schon sehr gerne strukturiert. Demzufolge weist mein Kalender Themen-spezifisch verschiedene Farben auf und ich führe „To do Listen“ – wobei ich durchaus flexibel bin und für mich nicht die Welt zusammenbricht, so ich nicht jeden Tag sämtliche Punkte abarbeiten konnte. Dieses Bedürfnis nach Struktur steht mir zum Beispiel beim Erlernen von Fremdsprachen im Weg – ich wünsche mir die Sicherheit, alles grammatikalisch richtig zu machen bevor ich spreche und so erwächst eine recht große Hemmschwelle, das, was ich denken und vermitteln möchte, nicht richtig ausdrücken zu können.
Mich selber überraschend stört es mich hingegen gar nicht, wenn eine Unterrichtsstunde aufgrund von Themen, ergänzenden Beiträgen und Fragen eine andere Wendung nimmt, als die von mir ursprünglich erdachte. Dies ist Teil dessen, was ich hier am Internat so sehr schätze: Der Lernzuwachs findet in allen Bereichen rund um die Uhr gewinnbringend für uns alle statt, Pädagog:innen und Schüler:innen. Ich habe keinerlei Problem damit, zuzugeben, wenn ich etwas nicht kann und mir dies von Schüler:innen erklären undoder zeigen zu lassen. Ich habe die wunderbare (und beruhigende) Erfahrung gemacht, dass dies keine Angriffsfläche bietet, sondern mich vielmehr den Schüler*innen näherbringt – und sei es nur, dass ich mir von einem 10.Klässler das Skateboardfahren zeigen lasse. Übrigens erfolglos, ich habe mich diesbezüglich als sehr untalentiert herausgestellt. Haupterfolg dieser Aktion war über geteiltes herzhaftes Lachen hinaus, dass ich mich nicht verletzt habe. Tatsächlich gehöre ich zur Fraktion der Stolpervögel und neige dazu, zu stolpern, Ecken und Kanten mitzunehmen und weise demzufolge häufiger blaue Flecken vor, als denn nicht. Wobei ich an dieser Stelle betonen möchte, dass ich mir – zur Überraschung meines Umfeldes – noch nie etwas gebrochen habe! Die Eigenschaft, Dinge zu übersehen und somit in Stolperfallen zu verwandeln, übertrage ich auch auf Banalitäten – ich bin durchaus schusselig zu nennen, was Alltäglichkeiten angeht, die mich betreffen. Diese sind meines Erachtens so unwichtig, dass ich sie gar nicht erst speichere.
Ganz anders meine Herangehensweise an Texte. Dialekte, die unterschiedliche Anwendung von Wörtern – all das finde ich abnutzungsfrei faszinierend. Es bereitet mir Freude, Texte aufzuschlüsseln und mit den Schüler:innen nach Alltagsbezügen zu suchen. Meines Erachtens gibt es in jedem Text etwas, das Lesende anzieht oder abstößt und so können auch Schüler:innen, die das Fach eher als „Mittel zum Zweck“ ansehen und sicher nicht Literaturwissenschaften studieren werden, Zugang finden. Auch mein zweites Fach, Geschichte, bietet die spannende Möglichkeit einer großen Alltagsbezogenheit. Wie sonst sollen wir Menschen in ihrem Handeln und Denken verstehen, ohne ihre die Geschichte und somit ihr Werden zu erfassen?! Auch wenn ich bei meinem privaten Lesen durchaus mein analytisches Rüstzeug ablegen kann, so bleiben mir doch jene Bücher in Erinnerung, die mich im Nachhinein denken lassen, dass ich Dinge anders sehe als zuvor. So meine Schüler*innen hin und wieder nach unseren Stunden eben dieses Gefühl haben, habe ich meiner Meinung nach alles richtiggemacht.
Goldrichtig war und ist auf jeden Fall die Entscheidung für das LSH. Jedwede Bedenken, vielleicht nicht so schnell in die Schulgemeinschaft zu finden, wie es meinem Partner gelungen ist (der ein Jahr vor mir hier angefangen hat), wurden sehr schnell zerstreut. Ich bin rundum glücklich, in einem so lebendigen Umfeld die Tätigkeit, die ich so liebe – ich darf mich den ganzen Tag mit Lieblingsthemen auseinandersetzen und das auch noch gemeinsam mit anderen Menschen! – ausüben zu dürfen. Dies auch noch mit meinem Partner gemeinsam zu können ist natürlich ein dickes i-Tüpfelchen. Wir haben schnell gelernt, zu artikulieren, wenn wir einen Themenwechsel brauchen und trennen Schul- und Privatleben nicht streng, aber gut voneinander. Dabei hilft selbstverständlich auch das hier gelebte, respektvolle Miteinander. Die Schüler:innen und Kolleg:innen kennen genauso wie wir den Wunsch, dass freie Zeit auch wirklich frei sein sollte und nehmen Rücksicht. So ist das eben, wenn alle alles voneinander mitkriegen – in dieser Transparenz lässt es sich gut leben und frei bewegen. So kann ich selbst hier, in diesem menschengefüllten und wuseligen Umfeld meiner Liebe zum Ausschlafen nachgehen, wenn die Zeit es zulässt und mir einfach mal mit einem Kaffee in der Hand von der Sonne das Gesicht streicheln lassen. Alles richtig gemacht.