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Willi Reppel (LSH 1951-1959)

Ich war 27 Jahre alt, als ich die Wohnung, die ich morgens um acht Uhr auf den Weg zur Arbeit verlassen hatte, aufschloss – und sie leer vorfand. Meine Ehefrau, unser damals zweijähriges Kind, jedwede Einrichtung – weg. Lediglich ein Karton mit meiner Unterwäsche und darauf eine Flasche Bier waren mir zurückgelassen worden. Noch nicht einmal die Utensilien zur Kaffeebereitung standen mir noch zur Verfügung.
 
Der Hintergrund? Die Einrichtung unserer Wohnung war die Mitgift meiner damaligen Frau und somit „Vorbehaltsgut“, auf das ich keinerlei Anspruch hatte. Mein Schwiegervater hatte einen Ordner angelegt, in dem jeder Nagel und auf Mark und Pfennig aufgeführt war, was er investiert hatte. Da mein Handelsunternehmen, das zuvor einen Kontostand von rund einer Millionen DM aufweisen konnte, über Nacht bankrott war, hat sie die Sachen vor dem Gerichtsvollzieher gerettet und mich als Habenichts verlassen. Das kann einem passieren, der im Alter von 18 Jahren eine ihm von seinem Vater vorgelegte Bürgschaft unterzeichnet – und welcher Sohn hätte dies nicht getan? Das seinerzeit florierende Unternehmen meines Vaters basierte auf Steinkohle, als diese nicht mehr abgebaut wurde, konnte er allen Rettungsversuchen zum Trotze seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen – somit zog die Bank mein Vermögen ein. Ich stand vor dem Nichts.
 
Mit einem Schlag hatte ich keine Zukunft mehr in Deutschland. So wanderte ich 1968 in die USA aus, da die dortige Rechtsprechung mich davor bewahrte, weiterhin von Gläubigern belangt werden zu können. Ich fasste recht schnell Fuß, alsbald gelang mir eine erste Erfindung mit Patent. Nach zwei Jahren konnte ich die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Form der Green Card erlangen. Leider war dies an eine Bedingung geknüpft: Ich sollte für die USA, die gerade im Vietnam-Krieg engagiert waren, dienen. Mal ganz davon abgesehen, dass natürlich niemand gerne in den Krieg zieht: Als Kind musste ich amerikanische Bombenangriffe erleben und sollte nun für eben dieses Land dienen? Nein. Dies verweigerte ich und musste demzufolge ein weiteres Mal eine Existenz aufgeben. Was mir Jahre später, als ich mit meiner Frau Eva für zwei Jahre dem Ruf einer amerikanischen Firma folgen wollte, vor die Füße fiel: Aus unerklärlichen Gründen führte mich das CIA als „schwedischen Fahnenflüchtigen, der nicht pro-amerikanisch ist“. Zum Glück konnte dies von Seiten meines neuen Arbeitgebers geklärt werden und so haben wir zwei schöne Jahre in Santa Ana, Kalifornien, verleben können.
 
Nach einem einjährigen Zwischenstopp in Deutschland erhielt ich 1971 ein Job-Angebot aus Schweden. Dort zog ich ohne jedwede Sprachkenntnisse, nur mit dem Notwendigsten und einem alten Volkswagen, den meine Tante mir vermacht hatte, hin. Ein schöneres Willkommen hätte es gar nicht geben können, als das wunderbar mit Blick auf die Stockholmer Altstadt gelegene, schön möblierte Zimmer, das mir zur Verfügung gestellt wurde! Ich habe mich schnell eingelebt. Nach einem Jahr hieß es „Bleib doch hier, wir brauchen Leute wie Dich“ und so blicke ich mittlerweile auf rund 50 Jahre Leben in Schweden zurück. Ein gutes Leben!
 
Natürlich war es in der Nachkriegszeit nicht leicht für einen Deutschen, sich im Ausland zu bewegen. Hierbei profitierte ich von der weisen Voraussicht meines Herrn Vaters, der mich in jeden Ferien ins Ausland schickte, wo ich in Stahlwerken und Kohlegruben arbeitete und in Gastfamilien die jeweilige Sprache lernte. So schuftete ich (der eigentlich von einem Studium der Medizin träumte, doch war dies nicht möglich, da ich später das Unternehmen meines Vaters übernehmen sollte. Somit hatte ich keine Wahl.) also, während meine Mitschüler sich auf Sylt oder in Frankreich verlustierten. In den 60igern herrschten noch raue Sitten, so war es zum Beispiel in Frankreich durchaus üblich, dass man eine Ohrfeige kassierte, wenn man einen Fehler gemacht hatte. Bei der Firma „Michelin“ hingen sogar Plakate, die dazu aufforderten, Streit doch bitte nicht mit den Fäusten auszutragen, sondern durch miteinander sprechen zu lösen. Meine Auslandsaufenthalte haben mir nicht nur sehr gute Sprachkenntnisse in Französisch und Englisch, sondern vor allem eines beigebracht: Passe Dich im Ausland den Gegebenheiten vor Ort an. Sei offen für Dir Neues. Entspreche nicht den deutschen Stereotypen und Klischees.
 
Dies ist mir augenscheinlich sehr gut gelungen. Bestes Beispiel dafür ist meines Erachtens folgende Begebenheit:
Meine Firma schickte mich 1972 nach Norwegen. Im besten Wissen darum, das der dortige Ansprechpartner nie wieder etwas mit Deutschen zu tun haben wollte, hatten diese doch seinen Bruder, der im Widerstand war, erschossen. Da niemand anderes die Aufgabe übernehmen konnte, nahmen wir beide die Situation, wie sie war – fanden aber auch einen Draht zueinander. So lud er mich vor meiner Abreise zu sich nach Hause zum Abendessen ein, führte mich zum Schlafzimmer seines Bruders und sagte zu mir: “Reich mir Deine Hand. Hier, auf der Schwelle zum Zimmer meines Bruders, mache ich meinen Frieden und wir Zwei beenden den Krieg“.
 
Das ich mal Friedensstifter sein würde, kann sich wahrscheinlich niemand vorstellen, der mich in meiner Zeit am Landschulheim kannte. Ich war ein Unruhestifter! Dazu muss man aber wissen, dass ich damit groß geworden bin, dass Häuser brannten und Bomben die Welt erschütterten. Dieses sehr besondere Gefühl, wenn alles um einen herum erbebt, hat mich wohl ein wenig süchtig gemacht und so schloss ich mich nach dem Krieg einer Bande an, die durch die Ruinen zog und diese mit gefundenen Blindgängern oder selbstgebastelten Bomben zum Einsturz brachte. Wir kannten es nicht anders, als dass Häuser brannten, wir sahen sie gar nicht als Lebens- und Wohnraum an. Ich verrohte zusehends, sprach den Dialekt der Straße und sah die Bauarbeiter des Wiederaufbaus als meine Feinde an, die in unsere Welt einbrachen. Meine besorgten Eltern folgten dem Rat eines in Holzminden lebenden Onkels und wurden mit mir am LSH vorstellig. Dort bewies ich dem uns herumführenden Lehrer, Herrn Fritz Winkel, die Notwendigkeit eines Ortswechsels für mich: Daran gewöhnt, dass man in den Ruinen Dortmunds dort pinkelte, wo man gerade war, stellte ich mich mit einem „Augenblick mal, ich muss mal“ kurzerhand an eine Linde unserer Allee. Herr Winkel, der sich unter einem Termin mit einem Unternehmers Sohn wohl zu Recht etwas Anderes vorgestellt hatte, wusste angesichts dieses Sakrilegs schlichtweg nicht, was tun.
 
Mein unruhiger, kreativer, erfindungsreicher Savants-Geist hat so manches Mal den Heimfrieden gestört. Mein Vater hat irgendwann eine Versicherung abgeschlossen, die für die Folgen meiner Streiche aufkommen musste – was nicht nur einmal der Fall war, so wie auch die Fahrer meines Vaters mehrfach zum LSH kommen mussten, um die Utensilien meiner Streiche abzuholen. Darunter die Ausrüstung, welche ich mir gebaut hatte, um einen eigenen Sender aufzubauen. Dies flog auf, als ein Lehrer sich in Hannover beschwerte, weil nicht das angekündigte Klassikprogramm zur Kaffeezeit, sondern wilder Jazz zu hören war. So mussten die Fahrer „alles abholen, was einen Draht vorweist“. Kurz vor meinem Abitur sollte ein Motorrad abgeholt werden. Dieses hatte ich unter einer Plane im Wald versteckt und holte es hervor, um mir eine Nachtvorstellung im Kino anzuschauen. Leider ging mir auf dem Heimweg auf der Einbeckerstraße der Sprit aus und so musste ich es schieben. Netterweise hielt hinter mir ein PKW an, dessen Fahrer mich freundlich ansprach, ob er mir denn helfen könne. Leider handelte es sich dabei um Herrn Landmann, der uns am LSH allmorgendlich mit Klaviermusik beglückte. Ich, der in England gelernt hatte, dass es nichts außer dem Tode gibt, dass man nicht in einen Scherz verwandeln kann, sprach nur: “ Ein Liter Benzin wäre hilfreich, Herr Landmann“. Herr Landmann, dem ich allzu gut bekannt war, konnte sich kaum halten vor Lachen und fuhr weiter. Natürlich war mir klar, dass mir ein Donnerwetter drohte und so fragte ich den Sohn meines Kamleiters, Walter Weller, was ich denn nur tun könne. Dieser gab mir den Rat, seinen Vater, der in der Jugend selber sehr gerne Motorrad gefahren sei, an das einmalig schöne Fahrerlebnis zu erinnern. Gehört, getan. Als ich dann also vor „Gericht“ gerufen wurde – Herr Weller umgeben von vielen Büchern an der einen Seite des langen Tisches, ich an der anderen – schwärmte ich vom Fahrtwind, dem berauschenden Naturlerlebnis und dem Freiheitsgefühl während des Fahrens. Herr Weller, von Jugenderinnerungen erfüllt, ließ Gnade walten und mein Vater das Motorrad abholen. Welches er übrigens in seinem Büro auf einem Podest ausstellte und überraschten Besuchern sagte, dies verkörpere seinen Sohn. Zwei Anekdoten von unzähligen, die alle zeigen, dass ich letztendlich ein traumatisiertes Kind des Krieges war und meinen findigen Geist dafür nutzte, aus dem strengen Gefüge des Internatslebens auszubrechen.
 
Zum Glück habe ich in meinem späteren Leben gelernt, meinen Erfindungsgeist als Ingenieur zu nutzen und so darf ich auf unzählige Erfindungen zurückblicken, die patentiert wurden und uns ein gutes Leben ermöglicht haben und noch ermöglichen. Nicht schlecht für einen, der erst jetzt im Alter erkennt, dass er vermutlich an Legasthenie leidet und deswegen Zusammenhänge nicht visuell, sondern über das Hören erlernt.
 
Leider muss ich seit eineinhalb Jahren ohne meine geliebte Frau Eva sein, die nach langer Krankheit verstorben ist. Eva wurde übrigens aus reiner Unkenntnis der schwedischen Sitten die meine – ich wusste damals nicht, dass es ein Versprechen darstellte, wenn ein Mann eine Frau beim ersten Treffen zu mehreren Tänzen hintereinander aufforderte. Es waren derer drei, die mir großes Glück beschert haben.
 
Auf mich als LSHler zurückblickend fällt mir ein Zitat von Johan Nepomuk Nestroy ein: „Ich bin eigentlich ein ganz anderer, hatte aber keine Gelegenheit, es zu zeigen“. Meine persönliche Menschwerdung, das Erlangen einer erwachsenen Reife und die sinnvolle Nutzung meiner Intelligenz – all dies fand in meinem Leben erst in späteren Jahren statt. „Reppel ist gleich Rüpel“, wie ich mal auf einem Altschülertreffen begrüßt wurde, das trifft ganz sicher nicht mehr auf mich zu. Ungebremst hingegen ist noch immer mein Erfindungsgeist – so habe ich zum Beispiel den Schneideinsatz einer Küchenmaschine derart zweckentfremdet, dass ich damit energie- und wassersparend die perfekten Dampfkartoffeln zubereiten kann.