Gerda Sens (Leistungsstipendiatin am LSH seit 2023)

Ich bin klug, möchte aber keinesfalls als „kluge Gerda“ deklariert oder darüber definiert werden.
Beim Kennenlernen neuer Menschen frage ich ja auch nicht nach ihrem IQ, sondern danach, wofür sie brennen. Mich macht so viel mehr aus! Empathie, Humor, meine Liebe zur Harfe, meine Bereitschaft, mich für andere einzusetzen, meine Begeisterung für Schach, die Freude daran, mittels Fantasy-Büchern in andere Welten abzutauchen… All dies sind Bestandteile meiner Persönlichkeit.

Wobei ich einen gewissen Ehrgeiz nicht verleugnen kann. Ich bin schon im Alter von sechs Jahren mit dem klar artikulierten Vorsatz „ich möchte besser werden als mein Vater“ in den Schachverein SSC Rostock eingetreten. Dieses Ziel habe ich auch mit ca. 10 Jahren erreicht! Mittlerweile bin ich Vizelandesmeisterin in der Gruppe „U18“ und auch die Jugendsprecherin unseres Vereines. Zum Glück kann ich online an vielen der Termine teilnehmen. Durch das Schachspielen habe ich gelernt, verlieren zu können. Ich schaue allerdings sehr genau darauf, was ich falsch gemacht habe und versuche, aus meinen Fehlern zu lernen.

Es geht mir überhaupt nicht darum, andere Menschen zu übertrumpfen! Vielmehr strebe ich danach, immer das Beste aus mir selbst herauszuholen. Mit dem Ziel, später Menschen mittels meiner Forschung wirklich helfen zu können. Ich möchte Medizin studieren, am liebsten parallel dazu ab dem Physikum auch Elektrotechnik. Diese Fächer-Kombination wird mich dazu ermächtigen, beruflich in dem Bereich „minimalinvasive Prothetik“ zwei Dinge zu kombinieren, die ich liebe: die Forschung (ich habe für meine Seminararbeit „Plastikabbau: mikrobiologische und molekulargenetische Bodenanalyse“ mit dem Isolieren von DNA derart viel produktive Zeit im Labor zugebracht, dass sie mir angerechnet wurde) und die Arbeit mit Menschen. Vor dem Internat Solling war ich in einer Hochbegabten-Klasse und habe die Erfahrung gemacht, dass es manchen Hochbegabten an emotionaler Intelligenz mangelt. Zum Glück ist das bei mir nicht der Fall und so traue ich mir eine gute, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Patient: innen zu.

Einzig eine Eigenschaft anderer Menschen entzieht sich gänzlich meinem Verständnis: wenn andere rein aufgrund ihres Geschlechts davon ausgehen, klüger oder versierter zu sein als ich. Selbstbewusstsein darf schon gerne auf Wissen begründet sein! Da kann es mir schon einmal passieren, dass ich mich impulsiv in Argumenten verstricke und selbst im Unrecht nicht nachgebe. Das wiederum kann ich dann recht gut zugeben.

Schaue ich jetzt gerade auf mich, so kann ich voller Freude feststellen, dass ich zwar nicht ausgereift, aber die derzeit beste Version meiner Selbst bin. Ich habe gelernt, gerne für andere da zu sein vom „people pleasing“ zu differenzieren und setze somit besser Grenzen. Selbstverständlich mache ich Fehler und prokrastiniere wie alle anderen auch, weine mich deswegen aber nicht in den Schlaf. Ich setze meine Intelligenz sowohl schulisch als auch am Schachbrett ein, verliere mich aber ebenso gerne im Harfenspiel oder vergesse die Zeit, wenn ich gemeinsam mit Freunden etwas unternehme. Mehr geht sicherlich immer, doch muss mehr gerade gar nicht sein. Ich bin gerade so sehr gerne genau da im Leben, wo ich gerade jetzt bin! Ab dem Sommer, nach meinem Abitur, stelle ich mich sehr gerne den Herausforderungen, die dann auf mich zukommen. Nur allein wohnen, das möchte ich bitte auf keinen Fall. Diesbezüglich hat mich das LSH wirklich verwöhnt. Etwas, das ich keinesfalls als selbstverständlich nehme. Somit gilt mein Dank meiner Familie, die mich hat gehen lassen, der Neumayer-Stiftung, die mir den Aufenthalt hier am Internat Solling ermöglicht hat und all den Menschen hier an diesem so besonderen Ort „LSH“, die mich begleitet, gelehrt und geprägt haben. Danke sehr!

Im Januar 2026

 

 

Dario Rasch (LSH 1981 – 1989)

Um mich vollständig lebendig zu fühlen, brauche ich es ein Stück weit, über meine Grenzen zu gehen. So beginnen meine Tage um 06:00 Uhr mit einem Bad in unserem ungeheizten Pool – im Winter nach dem Zerschlagen einer Eisschicht! Im Anschluss daran kann der Tag mit seinen mannigfaltigen Aufgaben kommen.

Die mich bitte auch herausfordern dürfen. Es gibt wenig Schlimmeres für mich, als nicht gefordert zu werden. Selbstverständlich habe auch ich Leistungsgrenzen, doch dürfen diese gerne erreicht werden. Dann laufe ich zu Höchstform auf!
Meine unbändige Energie war sicherlich auch der Beweggrund für meine Eltern, mich auf das LSH zu geben, zumal ich nach deren Trennung in eine schlechte, antriebslose Phase geraten bin. Am Internat haben Lehrer, die mich verstanden haben, mich regelmäßig zwecks Abbaus meines Energieüberschusses einmal um das Oberhaus laufen lassen. Zudem war mir gestattet, während des Unterrichts zu stehen. Noch heute sind meine Hände parallel zu meinen Gedanken ständig in Bewegung. Da Bewegung als „Überschussventil“ für mich sehr gut funktioniert, treibe ich täglich Sport. Das habe ich neben intensiven, lebensbegleitenden Freundschaften aus meiner Zeit am LSH mitgenommen. Sport und Sauna sind zwei Dinge, bei denen ich ausschließlich im Moment bin. Da kann selbst ich wirklich komplett abschalten.
Beruflich gesehen kann ich insbesondere an Wendepunkten meine resistente Energie hervorragend einsetzen. Das alltägliche, repetitive Schreibtischprozedere mit Ablage & Co hingegen generiert bei mir eher Erstickungsgefühle.
Dementsprechend war es mein persönliches „Glück im Unglück“, dass die Russlandkrise 1998/1999 stattfand. Genau zu diesem Zeitpunkt mussten mein Vater und ich im Anschluss an meine beruflichen Wanderjahre feststellen, dass wir bei aller tiefer Zuneigung zueinander nicht miteinander arbeiten konnten. Mein Vater konnte sehr viel – lediglich Kommunikation und gar Konfliktgespräche waren nun wirklich nicht seine herausragenden Stärken. Aber, um Churchill zu zitieren: „Never waste a good crisis“. Zum damaligen Zeitpunkt generierten wir rund ein Drittel unseres Umsatzes in Russland, und es war klar, dass die Tapetenfabrik nur mittels dramatischer Maßnahmen überleben konnte. Ich wurde gebraucht! Wir haben taggleich die Unternehmensstrukturen geändert. Ich war plötzlich nicht mehr Assistent der Produktionsleitung, sondern zunächst Marketingleiter und wenig später für Vertrieb und Export zuständig. Es stellte sich heraus, dass es mir liegt, unter Druck in hohem Tempo Entscheidungen zu treffen. In dieser Zeit habe ich gemerkt, wie enorm wichtig Selbstwirksamkeit – und wie wunderbar stabil die Liebe zwischen meiner Frau und mir ist. Solveig ist einfach super! So (positiv konnotiert!) herausfordernd es war, sie zu erobern, so fest und sicher steht sie seitdem an meiner Seite – komme, was will.

Wir haben schon so einiges miteinander erlebt – unsere, die beste der Welt, Ehe ist durch vieles geprägt: gemeinsames Wohnen in einer Studentenbude in Kiel, dann auf kuscheligen 30m² im Südosten von Paris, von wo ich zwei Jahre lang als Vertreter für unsere Tapeten unter der Woche die Region „Centre“ relativ erfolglos bereist habe und Solveig an der Universität Dauphine studiert hat. Im Anschluss daran eine Fernbeziehung mit allabendlichen Telefonaten zwischen Japan (wo ich auf Geheiß meines Vaters japanische Management – Methoden und die Sprache erlernt habe. Größtenteils als Arbeiter in einer Fabrik, was das Wohnen in einem Wohnheim für unverheiratete Männer inklusive dem Teilen der einzigen Badewanne mit meinen rund 80 Mitbewohnern beinhaltet hat) und den USA (Solveig hat dort ihr Studium fortgesetzt). 1997 dann der gemeinsame Umzug nach Osnabrück. Wir haben drei großartige Söhne, deren Unterschiedlichkeiten uns zugleich erfreuen und herausfordern.

Zu all dem kamen ab ca. 2006 nach einigen sehr erfolgreichen 15 beinharte Jahre, in denen das Unternehmertum mehr Risiken, als denn Chancen bot und mehr Sorgen als denn Freude bereitet hat. Auch für mich gibt es eine Belastungsgrenze. Schlussendlich bin ich 2021 aus der Geschäftsführung der Tapetenfabrik ausgetreten. Eine harte, sehr an meinem Herzen zehrende, rein rational gefällte Entscheidung, die ich mir wirklich schwergemacht habe. Doch auch hier gilt das sich durch mein berufliches Leben ziehende Thema, dass Krisen den großen Nachteil haben, Krisen zu sein, aber auch immer Gestaltungsraum für Neues bieten. Die von mir geführte Fabrik in der Ukraine braucht mich seit Beginn des Krieges 2022 ungleich mehr. Dank des Ausstiegs aus der operativen Führung des Familienunternehmens kann ich mich hier nun voll einbringen und den Mitarbeitern vor Ort so gut wie irgend möglich zur Seite stehen. Bei anstehenden Entscheidungen gilt immer ihre Expertise zuerst, da sie es sind, die unter dem Kriegsrecht arbeitend, tagtäglich unvorstellbare Risiken eingehen.

Viel von Vielem. Umso dankbarer bin ich für meine Familie.
Wir vier Männer gehen zwei- bis dreimal die Woche miteinander in die Sauna, bereden dort große und kleine Themen und Solveig ist mittels ihres starken Willens unser aller Fels in jedweder Brandung. Umso kostbarer für mich, der, selber aus einer dysfunktionalen Familie stammend, sich früher nie eine eigene zugetraut hat. Das Leben hat mich gelehrt, dass es manchmal gut sein kann, nicht alles zu wissen. Das und die Erkenntnis, dass sich über Dinge aufzuregen sie nicht verändert, würde ich meinem jüngeren Ich gerne mitgeben. Da ich dies nicht kann, gebe ich diese Erkenntnis an meine Kinder weiter. Genießt Euer Leben, es wird gut.

im Februar 2026

Josephine (LSH seit 2023)

In einem wunderschönen Auslandsjahr an der Calvary Christian Academy in Miami, Fort Lauderale konnte ich sehr viele neue Erfahrungen sammeln, an denen ich gewachsen bin und dank derer ich gelernt habe, was es bedeutet, offen für Neues zu sein. Ganz besonders wichtig war für mich in Florida das Gemeinschaftsgefühl. Etwas, das ich an meiner alten Schule, wo es eher wenig Zusammenhalt innerhalb der Schülerschaft gab, sehr vermisst habe. Für mich stand nach meiner Rückkehr fest: An der alten Schule kann ich nicht bleiben.

Da zudem mein Papa selbst einmal Schüler am Internat Solling war und mir schon als Kind Geschichten aus seiner Internatszeit erzählt hat, entfaltete sich früh mein Traum, eines Tages in seine Fußstapfen am LSH zu treten. Heute lebe ich diesen Traum! Ich gehe seit der 11. Klasse auf das Internat Solling – rückblickend war das eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Mit dem Wechsel ins Internat Solling habe ich einen Neuanfang gewagt. Heute, fast zwei Jahre später, kann ich sagen: Das Internat ist zu meinem Zuhause geworden. Mehr noch – es ist meine erweiterte Familie. Es gibt für mich keinen schöneren Ort als die Einbecker Str.1, wo ich mit meinen engsten Freunden lache, lerne, tanze und gemeinsam lebe! LSH ist für mich vor allem eins: Zusammenhalt. Jeder kennt jeden, und jeder ist füreinander da. Ich glaube, genau deshalb ist das Internat zu meinem Zuhause geworden. Dieses Gefühl, Teil von etwas Echtem zu sein – das trägt einen durch alles. Selbst in den Ferien halten wir es kaum ohneeinander aus. Wir organisieren Treffen, egal wo wir gerade sind, weil wir einfach zusammengehören. Diese Gemeinschaft ist für mich unbezahlbar.

Wahrscheinlich brauche und genieße ich eine enge (Schul-) Gemeinschaft so sehr, da ich ein absoluter Familienmensch bin. Auch meine Herkunftsfamilie liebe ich über alles – ganz besonders meine Schwester und meine zwei besten Freunde, die für mich wie Brüder sind. Wir vier sind zusammen aufgewachsen und haben jede Lebensphase gemeinsam durchgestanden. Ohne sie könnte ich mir mein Leben nicht vorstellen. Sie geben mir Halt, egal wo ich bin – ob in Miami, im Internat oder irgendwann in der Zukunft, wo auch immer mein Weg mich hinführt.

Um dem Internat etwas von dem zurückzugeben, was es mir geschenkt hat, habe ich mich als Präfekt (PV) aufstellen lassen. Gemeinsam mit vier anderen Kandidat*innen haben wir in diesem Jahr Feste organisiert und uns für die Schulgemeinschaft eingesetzt. Dieses Engagement bedeutet mir viel – genau wie all die anderen Dinge, die meinen Alltag hier prägen: Ich spiele Tennis, verbringe unzählige Stunden im Kunstraum und genieße einfach das Leben im Internat. Die unzähligen Stunden im Kunstraum, in denen ich – insbesondere in Begleitung von Musik – alles um mich herum vergesse, wurden 2025 sogar von dem Wefelspreis gekrönt, worüber ich mich unbändig freue!

Leider ist meine Zeit hier bald vorbei. Nur noch ein Jahr – und dann endet dieses Kapitel. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich liebend gerne alles genauso noch einmal erleben wollen!

Wohin mein zukünftiger Weg mich führt; wie ich meine sprudelige Kreativität, meine Liebe zur Kunst und mein Talent für Kommunikation vereine, weiß ich noch nicht genau. Vielleicht ins Ausland, vielleicht auch nicht. Aber eines weiß ich sicher: Die Erfahrungen und Menschen, die mich geprägt haben – ob Familie, Freunde oder Internatsgemeinschaft – die werde ich für immer im Herzen tragen.

Im Mai 2025

 

Matthias Jakob Breuner ( LSH 1972– 1976 )

Meine Vornamen sind sekundär. Wichtig ist allein unser Familienname „Breuner“, und dass man sich über ihn meiner lieben Eltern erinnert. Diese beiden großartigen Menschen waren und sind mein persönlicher Antrieb dafür, nach den Werten zu leben, die sie mir vermittelt haben. Sie waren und sind der „rote“ Team – Breuner Faden“, der sich durch mein Leben zieht!

Gustav A. Breuner, mein Vater, der im Krieg bei der Marine war und diesen überlebt hat – um kurz darauf (1950) den Mut zu haben, eine jüdische Frau zu ehelichen. Das kann ich mit Nichts in meinem Leben gleichsetzen. Inge-Beatrice Breuner, meine Mutter, die als jüdisches Kind aus Königsberg vor den Deutschen und den Russen fliehen und bestimmt Unvorstellbares tun musste, um zu überleben. Wer bin ich, angesichts dieser enormen Lebensleistungen meiner beiden Eltern Erinnerungsraum für mich zu beanspruchen. Ich bin das kleinste Juwel in unserem familiären Geflecht. Da ich als alleinstehende Person auch der letzte verbliebene Breuner bin, habe ich mit dem Einverständnis meiner lieben Mutter dem LSH ein Legat vermacht. Das Internat erbt nach meinem Tode quasi unser gesamtes Vermögen. Es ist uns eine Herzensangelegenheit, jungen Menschen, denen es sonst aus finanziellen Gründen nicht möglich wäre, die hervorragende Bildung und das wertvolle Miteinander im LSH zu ermöglichen.

Mein Leben ist positiv-turbulent und intensiv verlaufen. Rückblickend waren in all dem meine Jahre in der Einbecker Str.1 die beste und schönste Zeit meiner Jugend. Noch heute trägt mich die Gewissheit, dass ich jederzeit am LSH willkommen bin.

Nach meinem Fachabitur in Hildesheim (ich musste das Internat aufgrund meiner schlechten Noten verlassen) habe ich in Hamburg bei dem Unternehmen „Albis Plastik GmbH“ den „Hamburger Groß- und Außenhandelskaufmann“ gemacht und war im Anschluss an meine duale Ausbildung für diverse Verkaufsbüros des Unternehmens in Deutschland tätig. 1981 sprach mich im Rahmen einer Schulung im Hauptsitz des Unternehmens einer der Geschäftsführer an, dass ich doch schon immer in die USA gewollt hätte – ich möge doch bitte zeitnah fliegen und für das Unternehmen in Texas tätig werden. Gesagt, getan! Dank der guten Verbindungen meiner Eltern in Berlin (mein Vater war Honorar-Konsul von Costa Rica und meine Mutter kannte durch ihre Mitgliedschaft im Deutsch-Amerikanischen Frauenclub die Frau des amerikanischen Botschafters) kam ich binnen weniger Tage an mein Visum. Ein derart kurzer Dienstweg ist heutzutage undenkbar!

Da ich des Englischen nicht so richtig mächtig war (Herr Witham hatte sogar meiner Mutter gegenüber geäußert, dass ich es seiner Meinung nach nie richtig lernen würde. Als ich ihm gegenüber viele Jahre später erwähnte, dass ich mittlerweile in den USA lebe, sagte er auf seine unnachahmliche Art:“ This is not Great Britain!“), waren die Arbeitstage lang und herausfordernd. Abends, wenn ich mich vor dem Fernseher entspannte, führte ich lange Listen mit Ausdrücken und Wörtern, die ich nicht verstand. Am Folgetag fragte ich meine Kollegen, was denn dieses und jenes heißen möge. Mein bester Schachzug, sowohl um mein Englisch zu perfektionieren als auch mich besser in Houston zu assimilieren, war das Ablegen des Pilotenscheins. Dafür habe ich in der bisherigen Fremdsprache Englisch völlig neue Wörter und Fachbegriffe gelernt, mittels derer ich mich schnell und präzise ausdrücken kann. Darüber hinaus hatte ich im Rahmen meiner Ausbildung zum Piloten Gelegenheit, persönlich Zeitzeugen der Air Force des Vietnamkrieges kennenzulernen und ihren spannenden Erlebnisberichten zu lauschen. Ich bin der Meinung, dass man nur über die Geschichte eines Landes das Land verstehen und begreifen kann.

Nach eineinhalb Jahren in den Staaten war es so weit, dass Kunden mich am Telefon fragten, wo in den Südstaaten ich denn geboren sei.

1984 ist mein Vater plötzlich verstorben, weshalb ich in Deutschland seine geschäftlichen Dinge abwickeln musste. Im Zuge dessen hatte ich einen Kontakt zu Mercedes-Benz hergestellt und bin gefragt worden, ob ich für das Unternehmen tätig werden wolle. Wollte ich, bis ich dann 1989 meiner Sehnsucht nach dem Leben in den USA nachgab und bei Mercedes-Benz kündigte. Es folgte eine abwechslungsreiche Zeit, in der ich u.a. Harley Davidson Motorräder und später sehr erfolgreich Chemikalien exportiert habe. Einen Großteil meines Vermögens habe ich in Immobilien reinvestiert. Mit dem 11. September 2001 reifte der Entschluss in mir, eine neue berufliche Tätigkeit aufzugreifen, mit der ich junge Menschen in der „Real Estate Industrie in Los Angeles“ unterstützen konnte. Ich habe die kalifornische Makler-Lizenz gemacht und mich darauf spezialisiert, junge Menschen beim Erwerb ihrer ersten eigenen Immobilie zu unterstützen. Damit wollte ich der Gesellschaft, die mich so freundlich aufgenommen hat, etwas zurückgeben.

Mittlerweile, ich werde im kommenden Jahr 69 Jahre alt, bin ich nurmehr für mich selbst tätig. Was mich aber auf keinen Fall zum „Rentner“ macht!
Mein engster Herzensmensch, meine geliebte Mami, hat auf ihrem Sterbebett zu mir gesagt, sie habe ein volles und zufriedenes Leben führen können. Es erfüllt mich mit großer Freude, dasselbe von dem meinem sagen zu können. Ich bin von lieben Freunden umgeben, egal, ob ich in meinem Wohnsitz in Berlin, in Port Andratx auf Mallorca oder in Scottsdale, Arizona, bin. Da ich mir im Laufe meines Lebens eine tief verwurzelte Empathie angeeignet habe, kann ich in allen drei meiner Heimatländer „Amistad“ (ein spanischer Ausdruck für das einander geschenkte Vertrauen, gegenseitige Zugneigung und die Unterstützung zwischen Freunden) leben. Es ist mir möglich und eine Freude, durch Spenden gute Zwecke zu unterstützen. Nach wie vor bin ich offen für Austausch und neugierig auf mehr neue Menschen, die mich faszinieren und die ich begeistern kann. Die Möglichkeiten, die uns das digitale Universum und künstliche Intelligenz bieten, werden von mir rege genutzt und meine damals sehr schlechte Note in Erdkunde kompensiere ich durch mein „global Traveling“ – „das fliegende Klassenzimmer“ quasi. In Amerika habe ich „Tri Coastal“, also an allen Küsten (Houston, Boston, Los Angeles) gelebt und wenn ich eines im Leben am eigenen Leibe erfahren habe, so ist es das: Man muss sein Glück selbst in die Hand nehmen, und das schon sehr früh. Sei es durch körperliches Training, wie das, zu dem mich damals am LSH unser Sportlehrer Herr Heinen ermutigt hat. Das hat mich dazu ermächtigt, damals der schnellste Läufer auf 1000 m zu sein, den das LSH jemals hatte. Sei es durch Mut. Die Auswanderung nach Amerika im Alter von 24 Jahren, das Ablegen des Pilotenscheins mit 25 Jahren, Bootsführerschein, Tauchschein, Motorrad – und LKW-Führerschein, neue berufliche Aufgabenfelder, neue Länder, neue Standorte – ich habe in meinem Leben häufiger „ja“ als „nein“ gesagt. Was ich von meiner mutigen Mami gelernt habe, die sich zum Beispiel zu mir ins Flugzeug gesetzt hat, obgleich ich den Pilotenschein erst seit 14 Tagen hatte. Mein spontan vorgebrachtes Argument „ich habe noch nichts vergessen“ war sicherlich gut. Ausschlaggebend war aber ihr starker Wille, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Die Erinnerung an unseren gemeinsamen Flug ist noch heute, rund 44 Jahre später, lebendig und motivierend. Auch ich mache gerne das Allerbeste aus meinem Leben.

I am very blessed. Ich hatte die liebevollsten Eltern. Führe als Kosmopolit ein facettenreiches und erlebnisreiches Leben, in dem das Lernen nie aufhört. Es ist mir eine Freude, dank unseres Legates viele der Möglichkeiten, die mir die wertvolle Zeit meiner Jugend am Internat Solling gegeben hat, an zukünftige Schüler: innen weiterzugeben. Das ist der Schlüssel „Made by Breuner“, den wir Euch vertrauensvoll in die Hand legen. Das Aufdrücken der Tür und das Überschreiten der Schwelle – das werdet Ihr dann selbst machen. Good luck, go for it!

Im Oktober 2025

 

Nicolaus (Nickel) Graf zu Reventlow (LSH 1981 – 1986)

Man könnte mich wohl einen echten „Bewahrer“ nennen – nicht im Sinne eines verbohrten Ewiggestrigen, sondern als jemand, der mit Leidenschaft das Erbe pflegt, das unsere Familie in Schleswig-Holstein und Dänemark seit rund 800 Jahren auf verschiedenen Besitzungen und auch hier in Eckhof hegt und pflegt. Ich bin stolzer Landwirt und Geschäftsführer unserer Biogasanlage. Bei uns wird Nachhaltigkeit nicht nur diskutiert, sondern tagtäglich mit Händen, Köpfchen und manchmal auch ein bisschen Schweiß gelebt.

Für mich war Eckhof schon früh dazu bestimmt, mein Zuhause und mein Arbeitsplatz zu sein. Mit meinem Gartenbaustudium und als staatlich geprüfter Wirtschafter in der Landwirtschaft beackere ich heute Böden, die schon unzählige Generationen meiner Vorfahren bestellt haben. Das ist für mich der beste Beweis für echte Nachhaltigkeit – die Gewissheit, dass das, was wir heute tun, auch für die nächste Generation noch Früchte tragen wird. Apropos nächste Generation: Unsere Tochter Fanny studiert Agrar-Management und steht schon in den Startlöchern, um tatkräftig mitzuwirken, während Victoria, obwohl es sie in die Medizin zieht, ebenfalls ihre Unterstützung anbietet. Es beruhigt mich ungemein zu wissen, dass Eckhof auch weiterhin in guten Händen sein wird und unser Konzept, den Hof von einer Generation in die nächste zu überführen, erfolgreich gelebt wird.

Auf dem Hof sind wir wahre Meister des Selbermachens – aus wirtschaftlichen Erwägungen, versteht sich! Von der Reparatur alter Landmaschinen und Oldtimer bis hin zum Instandsetzen der Gebäude, die seit 1756 unseren Hof prägen und die wir behutsam, aber zeitgemäß erhalten. Ich bin zudem ein leidenschaftlicher „Aufbewahrer“ von allem, was noch einmal Verwendung finden kann: Backsteine, Fensterrahmen, oder auch mal ein historischer John Deere Petroleumschlepper von 1937, dessen wunderbares Tuckern Kindheitserinnerungen weckt und der mit seinem H-Kennzeichen als historisches Schmuckstück gilt. Die Erfahrung hat mich gelehrt: Alles findet seinen Platz, egal wie lange ich ein Auge darauf haben muss! Damit das alles reibungslos läuft, haben wir eine eigene Werkstatt, in der wir nicht nur unsere Betriebs-Kfz, sondern auch alle Maschinen des Hofes selbst reparieren.

Unser Gut ist ein bunter Strauß verschiedener Betriebszweige. Neben der klassischen Landwirtschaft und dem Forst betreiben wir eine Biogasanlage zur Energieerzeugung – eine Aufgabe, bei der ich auch mal Nachtschichten einlege und hautnah miterlebe, wie aus Gülle und Mais grüne Energie wird. Und ja, ich bin stolz darauf, dass wir diesen Beitrag leisten, auch wenn die Bürokratie uns hier mit mittlerweile hunderten Verordnungen (von ehemals 12 im Jahr 2010!) manchmal an den Rand der Verzweiflung treibt. Immer wieder frage ich mich, ob die Verfasser dieser Papiertiger jemals einen Acker oder eine Biogasanlage von innen gesehen haben und unsere Probleme, einen solchen Betrieb zu führen verstehen!

Unsere großen Hallen bietet zudem ein Winterlager für über 60 Segelboote, meist Yachten, und damit diese bestens versorgt sind, hat sich sogar ein Bootsbauer bei uns angesiedelt. Meine Frau Caroline teilt unsere gemeinsame Liebe zu Interieur, Antiquitäten und Design und so haben wir unser Haus (wir sind seit 100 Jahren die ersten Eigentümer, die wieder im Haus leben) in den Zustand des 18. Jahrhunderts versetzt und zeitgemäß eingerichtet. In ihrem Laden „The Box“ auf unserem Hof bietet sie all das an, was für ein schönes Haus wichtig ist.
Richtig Leben ins Gelände bringen die Mieter aus 15 Wohnungen und einer Ferienwohnung, und natürlich unsere zahlreichen vier- und zweibeinigen Mitbewohner – von Hunden und Hühnern, Gänsen und Pfauen bis hin zu 5 alten Eseln und einem Pferd. Für die ökologische Pflege unseres Weinbergs halte ich ein kleine Herde Ouessantschafe (die kleinste Schafrasse der Welt). Ich liebe es einfach, mit Tieren zu leben!

Auch wenn der Weinbau, mein neustes und mutigstes Unterfangen, im Moment noch ein „Versuch“ ist und noch keine Wirtschaftlichkeit aufweist, so ist es doch ein Hobby, das mich buchstäblich erdet. Die Pflege der Pflanzen und die Arbeit im Weinberg entspannen mich und verwurzeln mich noch mehr mit unserem Grund und Boden. Eine weitere, überraschend erfüllende Tätigkeit ist die Betreuung von Menschen, die das Bestattungsangebot in unserem Arboleum (Beerdigungswald) „Julianenruh“ annehmen. Anfangs war ich angesichts des Themas Tod eher zögerlich, doch liegt es mir zu meiner eigenen Überraschung sehr, mit Trauernden umzugehen. Diese sehr persönliche und individuelle Begleitung ist eine dankbare Aufgabe, die mir mittlerweile ans Herz gewachsen ist.

Bewahren, pflegen, konzeptionieren, verwalten, ernten, Überblick behalten, einspringen, anpacken und repräsentieren – meine Tage haben auch nur 24 Stunden. Zum Glück arbeite ich eng mit meinen Brüdern (beide LSHler), die ebenfalls als Landwirte auf Gütern in Schleswig-Holstein leben und meiner Schwester, die Tiermedizinerin ist, zusammen. Und trotz all dieser vielfältigen Aufgaben gibt es sie, die schönen und genussvollen Momente, in denen ich abschalten kann. Sei es mit der Gartenschere in der Hand, in Gesellschaft meiner Familie und Freunden, beim Genuss unseres eigenen Weins oder während einer Radtour, wenn ich vom Rad aus prächtigen Stockrosen entdecke und ihre Samen für unseren Garten ernte (wie auf der Île de Ré geschehen). Sie gedeihen prächtig bei uns auf dem Hof.

Ich bin keineswegs getrieben, sondern randvoll mit Aufgaben und Ideen, um Eckhof zu konsolidieren und meinen Töchtern in bestmöglichem Zustand weiterzugeben. So träume ich zum Beispiel davon, unser Zuhause noch zu Lebzeiten wieder unter einem roten Ziegeldach zu sehen. Die Liebe zu all dem, was wir gemeinsam leben, bewahrt mich davor, mein Tun als Stress wahrzunehmen. Es ist eine Ehre und Freude, Teil dieser Geschichte zu sein und sie in die Zukunft zu führen.

im August 2025

Käthe (LSH seit 2017)

„You can not dance and be unhappy at the same time“. Tanzen ist die Bewegungsform, an die ich mich völlig verliere und in der ich Raum und Zeit vollkommen vergessen kann.

Auch meine zweite Aufladestation ist immer bewegt – wenig liebe ich so sehr wie die Momente, in denen meine Familie um einen Tisch versammelt ist und in großer Runde das Gespräch „bounced“. Gerne passiert das auch auf Denglisch, das aufgrund unser gemeinsamen zwei Jahre als Familie in Kalifornien irgendwie Bestandteil unserer Familienkommunikation geworden ist. Bei diesen Tischrunden bringen wir einander auf den neuesten Stand, necken uns, diskutieren über alles und jeden und genießen einfach die Gegenwart als Familie. Da wir vier Geschwister fast Jahr-auf-Jahr geboren wurden und unsere Eltern es lieben, mit uns und unseren Freunden „open house“ zu leben, geht das nie ruhig vonstatten, sondern ist das immer wild, unberechenbar und lebendig.

Wenn ich Ruhe brauche, Abstand und Tiefe, dann tue ich das mit Gott, an den ich aus ganzem Herzen glaube.
Er ist mein Anker.

Diesen Anker habe ich insbesondere in meinem Auslandsjahr auf einem Segelschiff gebraucht. 10 Monate, 2 Atlantiküberquerungen, 66 Jugendliche, ein einziger geteilter Schlafsaal mit Hängematten, der zugleich auch Aufenthalts- und Unterrichtsraum war. Uns 33 Mädchen standen 3 kleine, meist kalte Duschen und Waschbecken zur Verfügung. Da ist es sehr wichtig, einen inneren Rückzugsraum zu haben und diesen bewusst zu kultivieren. Hier empfehle ich ein Tagebuch als Reflektionsfläche und papiernen Boxsack! Dieses Hochsee-Jahr auf einem hundert Jahre altem Dreimaster war dabei alles andere als eine “Genuss- Cruise“. Wir waren Matrosen, Köche, Schüler und Putzkräfte und hatten ebenso Tag- wie auch Nachtschichten zu absolvieren. Schlafentzug. Lagerkoller. Und während der manchmal wochenlangen Törns, keine Handys. Zu allem Übel war „Sport“ als Ausgleich aufgrund des Platzmangels so gut wie unmöglich. In diesen 10 Monaten der Extreme habe ich gelernt, Kraft aus mir selber zu ziehen.

Im Nachhinein hat sich aus den vielen Entbehrungen viel Gutes entwickelt – ich weiß nun z.B. jede auch noch so kleine Joggingeinheit so viel mehr zu schätzen. Eine lange, heiße Dusche? Purer Luxus! Aufgrund der räumlichen Enge und der Abwesenheit von Handys an Bord haben wir untereinander viel und häufig über kleine Notizen auf Haftzetteln miteinander kommuniziert. Das war wie analoges Snapchatten und es entstanden in aller Enge individuelle, kleine Privaträume. So habe ich gelernt, wie schön es ist, durch eine kleine Notiz Rückmeldung zu erhalten, gesehen zu werden. Das trägt bis heute, und ich gebe mir Mühe, anderen genau dieses Gefühl zu vermitteln. „Notiz nehmen“ im wahrsten Sinne des Wortes!

Das beste Gefühl in meinem Leben ist die Gewissheit, mich immer und mit allem an meine Eltern wenden zu können. Diese beiden wunderbaren Menschen sehen es als ihre Aufgabe an, uns Vier ins Leben zu begleiten und uns zu dabei zu helfen, Dinge zu finden und zu entwickeln, die uns mit Freude erfüllen. Ich bin überzeugt, dass ich in keine bessere Familie hätte geboren werden können! Hier, genau an diesen Platz, gehöre ich hin. Es ist z.B. einfach großartig, Friedrich zum großen Bruder zu haben, der mir dabei hilft, die Füße am Boden zu behalten. Unvergessen eine Situation, in der er mir ganz locker sagte: “Käthe, nun glaub mal bitte nicht, dass andere Lust und Zeit haben, über alles nachzudenken, was dich gerade bewegt“. Das hat mich total geerdet. Wir Vier sind einander eine wichtige Konstante, die immer Priorität über alles andere hat.
Ich hoffe sehr, später auch Mutter sein zu dürfen und diese tiefe Geborgenheit und Mischung aus behüteter Kindheit und Freiheit an andere weitergeben zu können. Am allerliebsten auch an einen Glücksklee aus vier Bagaluten – das hat in unserer Familie Tradition: Meine Eltern sind auch je eins von vier Kindern, ich liebe unsere familiäre Konstellation. Und mal ehrlich, warum sonst gibt es Joghurt meist in Viererpacks?! Mit drei Kindern? Ein unlösbares Problem.

Die Rückkehr an das LSH in die 12. Klasse wurde für mich zu einer komischen Mischung aus Heimkehr und völlig neuem Einfinden. Für manche war ich Käthe, die seit der 5. Klasse LSHlerin ist, für andere wiederum ein ganz neues Gesicht. Das war interessant. Mittlerweile bin ich wieder voll & ganz angekommen und engagiere mich in diesem Jahr auch in der Schülervertretung. Da mir Menschen und ihr Miteinander sehr liegen, ich mich gerne kümmere und für andere einsetze, kann ich auf diese Weise der Internatsgemeinschaft ein bisschen was zurückgeben.

Nach dem – mittlerweile erschreckend absehbaren – Internatsleben wird es für mich ins Studium gehen. Wie spannend! Der Studiengang steht noch nicht ganz fest. Ganz sicher ist hingegen, dass ich vorher ein halbes Jahr im Ausland – wahrscheinlich Lateinamerika – sozial arbeiten möchte. Denn dank meines Glaubens weiß ich, dass es einen guten Plan für mich gibt, und ich meine „Talente“ nicht einfach so erhalten habe. In diesem Geist fühle ich mich motiviert, das Beste aus mir herauszuholen.

In diesen Geist gehört aber auch, in jedem Tag einen Funken Glück zu entdecken. Und ganz nach Kermit dem Frosch („Das Allerschönste, was Füße tun können, ist Tanzen!“) gehört die Suche nach der nächstgelegenen Tanzfläche dazu.
Ich kann Glück, denn ich bin eine Glücksschmiedin. Gott sein Dank.

Im Mai 2025

Leni Becker (LSH 2022 – 2025)

Ich bin so vieles: Künstlerin, Philosophin, Literatin, Musikerin, Wissenschaftlerin, Freundin, Tochter. Keine meiner Facetten überwiegt die anderen. Über allem steht: mein unbedingter Wunsch, in all meinem Tun moralisch korrekt zu handeln. Es widerstrebt mir, Leben zu verletzen – egal, ob es sich um menschliche oder tierische Erdengäste handelt. Aus diesem Grunde bin ich sehr ratio – fokussiert.

Somit ist es in meinen Augen schlichtweg konsequent, dass ich mich vegetarisch ernähre. Hier am Internat esse ich vegetarisch, da es so leichter zu handhaben ist, auch wirklich alle Nährstoffe abzudecken – stehe ich selber am Herd, bevorzuge ich die vegane Küche. Die Nachfrage nach dem von mir zubereitete Gurkensalat erfährt hier am LSH exponentielles Wachstum, weshalb ich hiermit das Rezept allen Interessierten vermache (siehe Fotos)!

Da ein gesunder Geist ja bekanntlich mit einem gesunden Körper konvergiert, zwingt mein rationales Ich mich auch regelmäßig zum Sport. Bisher ist es mir nicht gelungen, ein „Lauf-High“ zu erleben, somit muss die Erinnerung an das Wohlgefühl nach dem Sport als Argument ausreichen. Es fasziniert mich immer wieder, wie sehr sich die körperliche Erschöpfung nach dem Sport von der rein mentalen Erschöpfung nach einem Tag voller Denken unterscheidet.

Apropos Denken. Ich vermag kaum in Worte zu fassen, wie dankbar und froh ich darüber bin, hier am Internat die Chance erhalten zu haben, die Philosophie für mich zu entdecken. Als rationale Person, die Dinge gerne differenziert durchdringt und präzise anwendet, nehme ich es als Geschenk wahr, Begriffe, die wir alle im alltäglichen Sprachgebrauch um uns schmeißen, nun punktgenau anwenden zu können. Die Künstlerin in mir genießt die Wege dorthin, die Wissenschaftlerin das Dezimieren von Missverständnissen. Mein Genuss ist dadurch gesteigert, das ich als bekennende Agnostikerin, die zuvor auf einer christlich-religiös orientierten Schule war, hier am Internat Solling den mir lästigen Religionsunterricht abwählen und durch die Philosophie ersetzen konnte.

Bitte nicht falsch verstehen – mein vorheriges Gymnasium war nicht schlecht und vermutlich hätte ich, die zuvor gar nicht wusste, was für alternative Schulformen es gibt, auch dort ein sehr gutes Abitur gemacht. Doch bin ich durch ein Einladungsschreiben eines hessischen Internats, das Schüler: innen mit Engagement und guten Noten eingeladen hat, neugierig geworden. Internat? Internat! Besagtes Internat war mir persönlich zu business-orientiert. Ich wollte mich nicht so früh spezifizieren. Doch wie es so ist mit einer entfachten Neugierde: Ich recherchierte weiter, und so stieß ich auf das Internat Solling. Die Möglichkeit des Leistungsstipendiums und auch die relative Nähe zu meiner Familie in Hessen waren definitiv Argumente, die für das LSH sprachen. Hier habe ich mich von Anfang an – insbesondere in meiner Rolle als leistungsorientiert Lernende – sehr gut angesprochen und gesehen gefühlt.

Da ich meine künstlerischen Leidenschaften (ich liebe es, Motive im vermeintlich engen Rahmen „Grafik“ umzusetzen!) nicht kommerzialisieren und Gefahr laufen möchte, als brotlose Künstlerin dazustehen, arbeite ich mich derzeit durch das große Angebot naturwissenschaftlicher Studiengänge. Neben den inhaltlichen gibt es ja auch noch Standortfaktoren, die mit einbezogen werden wollen – gar nicht mal so leicht, eine Wahl zu treffen. Zumal ich mit einem „Leistung verpflichtet“ viel von mir erwarte. Es steht für mich außer Frage, Karriere zu machen. Das intellektuelle Rüstzeug dafür habe ich hier am Internat vervollständigt – nun gilt es alsbald, all die vielen schönen Kleinigkeiten, die meine Augen in meinem Zimmer erfreut haben, meine Geige, die Mal- und die Sportutensilien, einen Schatz an Erinnerungen, neue Lebensfreundschaften und letztendlich mich einzupacken, um die weiteren Schritte anzugehen. Vielleicht erfahre ich ja doch noch ein „Lauf-High“.

im April 2025

Justus Thale ( LSH 2015 -2024 )


Ich gehe leichtfüßig durch das Leben.
Es ist tatsächlich so, dass ich bisher noch nie eine Situation erleben musste, die mich mit Negativem konfrontiert hat. Selbstverständlich bin ich dafür sehr dankbar, insbesondere für unseren tollen interfamiliären Zusammenhalt und all das, was meine Eltern meinem Bruder und mir ermöglichen.

„Leichtfüßig“ ist bitte keinesfalls mit „leichtsinnig“ zu verwechseln! Auch wenn ich durchaus dazu neige, spontan zu sein – ich habe immer einen Plan B, eigentlich auch einen Plan C. Meine rationale Seite habe ich beim Tennisspielen trainiert. Natürlich ist das technisch sportliche Können wichtig. Meiner Meinung nach gewinnt man ein (Tennis-)Spiel aber vorrangig durch die mentale Einstellung. Egal wie oft der Ball ins Netz geht: Die tennisspielende Person muss einen kühlen Kopf bewahren und trotzdem konzentriert weiterspielen. Ein gutes Beispiel dafür ist unsere Politikklausur im Abitur, die eine Stunde nach Beginn kurzfristig abgebrochen werden musste. Es hatte sich herausgestellt, dass nach einem Einbruch in ein Gymnasium in Goslar die Aufgaben vor Beginn der Prüfungen bekannt geworden waren. Es wäre für mich absolut unbefriedigend gewesen, nach einer Woche der intensiven Vorbereitung und der mit einer Abiturprüfung verbundenen Anspannung ohne Ergebnis aus dem Tag zu gehen. Somit war für mich glasklar, dass ich mich für weitere fünf Stunden zusammenreiße und unmittelbar die Ersatzklausur schreibe.

Auch im Leistungskurs Kunst hat mich mein rationales Denken weitergebracht. Da ich zwar sehr gerne zeichne, aber kein herausragendes Talent dafür besitze, habe ich mir früh überlegt, mein sprachliches Talent einzusetzen und dann eben über Theorie zu punkten. Der Plan ist aufgegangen!

Tatsächlich habe ich mich von der Grundschule an darauf gefreut, LSHler zu werden. Ein enger Freund meiner Eltern ist Altschüler und hat die gesamte Familie von unseren Geburten an dahingehend überzeugt, dass mein Bruder und ich ganz unbedingt auf das Internat Solling gehen sollen, da es einfach nichts Besseres gibt. Gesagt, getan! Auch wenn es in der Mittelstufe manchmal schwierig für mich war, da häufig Personen, mit denen ich mich angefreundet hatte, die Schule wieder verlassen haben. Zu meinem Glück war mein älterer Bruder in einen Jahrgang über mir, und sein Freundeskreis auch der meine, so dass ich nie völlig alleine dastand. Irgendwie hatte ich immer die Gewissheit, dass es ab Oberstufe (in der häufig Schüler kommen, die von sich aus am Internat sein wollen und deswegen das Internat auch anders, bewusster leben) besser wird. Genauso kam es dann auch! Meinen Freundeskreis könnte ich mir nicht besser wünschen!

Ich habe zwar bis zum Abitur nicht im Internat gewohnt, war aber immer eher ein sehr interner Externer und habe einen Großteil meiner Freizeit im Internat verbracht (oder unsere Freunde zu uns eingeladen; unsere Eltern haben uns immer Open House ermöglicht). Auf dem Campus findet außerhalb des Schulunterrichtes ein völlig anderes Leben statt. Man kann meiner Meinung nach nur dann gut in die Schulgemeinschaft integriert sein, wenn man nicht direkt nach Unterrichtsende das Gelände und somit das Internatsleben verlässt. Dennoch kam es für uns als Familie nie in Frage, dass wir interne Schüler werden.

Zum Glück bin ich mir dessen bewusst, wie wichtig es ist, die persönlich definierte Perspektive häufiger mal durch einen äußeren Erzählerblick auszutauschen. Wahrscheinlich macht dieses Bewusstsein einen Teil meiner Leichtfüßigkeit aus: Ich weiß, was für ein Wahnsinnglück ich habe.
Nachdem ich gemeinsam mit meinem besten Freund Herrmann in der Abiturprüfung den Schulrekord in der Laufprüfung um sechs Minuten unterboten habe, habe ich mit einem zufriedenen „Besser geht es nicht“ meine Schullaufbahn abgeschlossen. Landschulheimer bleibe ich weiterhin!

Nun schaue ich mir das Leben als Student mit Ziel „Bachelor Bachelor Jura/LL.B“ (mit der hervorragenden Möglichkeit, mich erst nach sechs Semestern zwischen BWL und Jura entscheiden zu müssen) an und ziehe vorerst meiner Wege in Mannheim. Sollte das Glück mir treu bleiben, so drehe ich meine Laufrunden später im Leben an der Alster.

Im November 2024

Florentine Külps ( LSH 2021 – 2024 )

Das Thema „Internat“ war für mich nie von Interesse, zumal ich diesen Begriff immer mit „Ausland“ assoziiert habe und mir nicht vorstellen konnte, von meiner Familie entfernt zu leben. Bis ich dann im Internet auf der Suche nach Reiterferien über das Internat Solling gestolpert bin. Mit den begeisterten Internatsgeschichten meines ältesten Bruders im Hinterkopf (er war auf einem schottischen Internat) und dem Gefühl, dass mir ein Ortswechsel guttun würde, bin ich umgehend für das Internat Solling entflammt. Meine Eltern hielten dies zunächst für ein florentinsches Strohfeuer. Bis ich sie dann mittels einer eigens erstellten Power-Point-Präsentation und dank argumentationsstarker Unterstützung durch einen Freund der Familie, Günther von der Schulenburg (der selbst Altschüler ist) davon überzeugen konnte, dass ich auf das LSH darf. Das war eine der besten Entscheidungen meines bisherigen Lebens! Ich bin hier aufgegangen wie eine Blume im Sonnenschein.

Nach wie vor brenne ich für unsere Internatsgemeinschaft! Derart stark, dass es mir eine Herzensangelegenheit war, mich im vergangen Jahr im PV für die Schülerschaft einzusetzen. Auch wenn ich aus einer Familie mit fünf Kindern stamme und es somit gut kenne, unter vielen Menschen zu sein, ist es natürlich ungleich intensiver, sich jederzeit mit Gleichaltrigen austauschen zu können, die in demselben Lebensumfeld ähnliche Erfahrungen sammeln, wie man selbst. Trotzdem war und ist es mir wichtig, nur zwei Stunden Fahrtzeit von meiner Familie entfernt zu sein.

Für mich ist es selbstverständlich, dass ich später Kinder haben werde. Der familiäre Zusammenhalt bei uns ist sehr eng und genau dieses unglaublich große und schöne Gefühl möchte ich künftig weitergeben. Allein dieser Herzenswunsch bremst mich bezüglich des Gedankens, mir später eine Landarzt-Praxis aufzubauen. Ich mag den Charme der Idee, meine Patienten wirklich zu kennen und in vielerlei Aspekten für sie da sein zu können. Doch widerstrebt es mir, fremdbestimmt für zehn Jahre auf einen Ort festgelegt zu werden. Somit steht für mich bislang nur fest, dass ich mir mittels des Medizinertests und Praktika den Traum, Medizin zu studieren, erfüllen werde. Da meines Erachtens das Zwischenmenschliche in dem Arzt-Patient-Verhältnis ein nicht zu unterschätzender Faktor ist und darin eine meiner Stärken liegt, werde ich diesen Wunsch, den ich von klein auf hege, auch weiterhin verfolgen! Schon allein meine tolle Zeit hier am Internat Solling zeigt mir auf, wie wichtig es ist, sich für seine Träume und Wünsche stark zu machen.

Meiner Meinung nach ist wenig derart ansteckend, wie er- und gelebtes Glück! Umso schöner, wenn ich dazu beitragen kann, dass andere Menschen sich gut fühlen. Sei es durch ein Pflaster, Zuhören, Zuspruch oder ein gelungenes Essen. Da ich selbst die Personifikation des Begriffes „hangry“ sein kann, weiß ich sehr wohl, welch Wohltat gestillter Hunger ist. Zudem mag ich den meditativen Aspekt des Kochens sehr und nehme wöchentlich mit Begeisterung an der Koch-AG teil. Mittlerweile kann ich auch rezeptlos gut schmeckende Dinge zubereiten und freue mich sehr darüber, mich der Koch- und Improvisationskunst meiner Mutter anzunähern. Ein Puzzlestück mehr, das es mir ermöglicht, schöne Erinnerungen zu schaffen. Am allerliebsten gemeinsam mit geliebten Personen.


Im Mai 2025

Adam Saeed ( LSH 2022 – 2024 )

Obwohl ich mich gerne als sehr autonomen Menschen bezeichnen würde, haben selbstverständlich auch mich viele Einflüsse geprägt. Ich habe hier am Internat Solling innerhalb der vergangenen drei Jahre eine Fülle aus Reisen und Wohnorten, Hobbys, Freunden und Sportarten auf das Wesentliche reduziert – auf Qualität. Mir ist bewusst, dass Veränderungen sowohl eines eigenen Antriebs, als auch äußerer Einflüsse bedürfen. Dieser Gedanke und der bewusste Umgang damit meine Zeit am LSH besonders geprägt. Ich verlasse Holzminden als werteorientierter und gefestigter Mensch.

Unverändert ist meine Leidenschaft für Musik, was sich in 185.000 Minuten aktiven Musikgenusses auf meiner Spotify–Jahresrückschau 2024 gezeigt hat! Zwecks Einordnung: Ein Jahr hat 525.000 Minuten.
Um diese Leidenschaft mit einem Ort, den ich nie vergessen und immer schätzen werde, zu verbinden, kam es letztes Jahr während meiner Tätigkeit im PV auch zur Gründung der Musik-Produktion-AG. Die Intention bestand darin, Menschen mittels Musik enger zusammenzubringen und das kulturelle Leben des Internats zu fördern. Auch mich persönlich hat die AG bereichert. Das Schreiben eigener Texte und der Austausch über diese mit meinen Freunden hat dazu geführt, dass ich meine Gefühle besser artikulieren und sie anderen gegenüber offener aussprechen kann. Um diese neue Erkenntnis und Freude mit anderen teilen zu können, erarbeiten wir in der AG derzeit unter anderem einen LSH-Song, der den Kern der Schule möglichst gut repräsentieren soll.

Da Frankfurt für mich die Stadt ist, mit der ich das größte Heimatgefühl verbinde, fällt es mir schwer, mich später dauerhaft woanders als in der schönen Mainmetropole zu sehen. Ich weiß aber, dass es sich im Leben häufig anders ergibt, als man sich das so ausmalt. Außer Frage steht, dass ich mich sehr regelmäßig auf den Altschülertreffen der Zukunft sehen lassen werde! Ich bin jetzt schon gespannt, was ich dann in der Disco zu hören kriege.

Und, liebe Neu-LSHler: Nehmt jede Chance war, die sich Euch hier bietet und genießt jede Sekunde! Ob die Sonne auf- oder untergeht – das wird die beste Zeit Eures Lebens, wenn Ihr sie dazu macht.

Im März 2025